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Zustand & Atmosphäre 6: Toni Strange

Das Wetter und das Essener Label Weltgast machen gemeinsame Sache. »Zustand & Atmosphäre« ist eine audiovisuelle Plattform, auf der wir ab jetzt einmal im Monat einen Künstler aus unserem Umfeld präsentieren. Natürlich getreu der Unterzeile unseres Magazins. Heißt: Musik in Form eines Videos und ein Text, der sich lose darauf bezieht.

Video: Marie Kövi und Lukas Vogt

Ab auf’s Eis

Text: Tristan Heming

Eigentlich gibt es keine gute Jahreszeit. Der Sommer ist warm, der Herbst nass und windig, der Winter kalt, der Frühling meistens nicht klar von den anderen zu unterscheiden. Alles insgesamt ungemütlich. Aber wenn ich schon zuhause sitze und mit den Wetterlagen nur durch die Fenster und das Internet in Berührung komme, sollen sie wenigstens schön aussehen. Das gelingt dem Sommer sonst ganz gut, in diesem Jahr hat er aber so lange wie ein bockiges Kind darauf bestanden, dass 34 Grad Celsius die optimale Wohlfühltemperatur für Mensch und Natur sei, dass schon lange vor der grauen Jahreszeit eigentlich alles braun war. In der Erwartung, dass der darauf folgende Dauerherbst wohl schon bald wieder in einen kaum erkennbaren deutschen Frühling übergeht, setze ich mich vor meinen Fernseher und schaue Biathlon im Ersten.

 

Das ist sehr beruhigend nach einem langen Tag. Männer in Strampelanzügen rutschen im Kreis und haben dabei lange Bretter an die Füße geklebt, die es fast unmöglich machen, voran zu kommen. Ich stelle mir vor, wie viel witziger das sein könnte, wenn man ihnen noch die Stöcker nehmen würde, oder zumindest einen. Den könnte man den Skispringern geben und die müssen dann gucken, wo sie den hin tun beim Fliegen.

Die Rutscher sind vom vielen Anschieben ganz aus der Puste, zur Regeneration wird geballert. Leider nicht mit Schrot auf Tontauben, sondern mit Kirmes-Luftgewehren, die Korken verschießen. Wer alle fünf Flaschen erfolgreich verkorkt, gewinnt und darf zur Belohnung ein bisschen weniger seinen Sport ausüben, denn zur Strafe wird geschlittert. Leider reihen sich beim Ballern die Anzeigen für die Männer und die getroffenen Zielflaschen so enorm übereinander auf und blinken herum, dass ich weggucken muss oder Kopfweh bekomme. So hatte ich mir meinen Winterurlaub nicht vorgestellt, Sabine! Ich schalte um.

Im Gegensatz zum ARD-Livestream ist YouTube leider Teil des richtigen Internets und man kann leicht Opfer einer Social-Media-Amnesie werden. Nach sieben Spielzusammenfassungen des vorletzten Spieltags der zweiten Fußball-Bundesliga, »Top 10 Red Card Goal Celebrations« und »DIY / Milchmiken / Milchbrötchen / Schnell & Einfach zubereiten / Backlounge 2015 / Rezepte & Tipps« fällt mir ein, warum ich hier bin. Ich tippe in die Suchleiste »Schnee Eis Winterstimmung kalt« ein, drehe die Heizung hoch und koche mir einen Tee.

Das erste Video, das mich nicht schon im Thumbnail abschreckt, ist dann doch absolut schockierend. Es zeigt Menschen, die ihren Skiurlaub im Wohnmobil auf dem Campingplatz in Sölden verbringen. Total zugeschwitzt nach einem harten Tag voller Rutschpartien (wenn auch meist ohne Geballer) zur öffentlichen Dusche laufen und sich dann wegen der Minusgrade direkt im Sardinenbüchsen-Mobil verschanzen. Da kann ich mich auch gleich im Sarg die Schanze runterschubsen lassen und hoffen, dass ich nicht heil unten ankomme. Nicht mal beim Zuschauen kann ich aufhören, mich unwohl zu fühlen. Da gucke ich mir lieber Dampfloks an, die durch das verschneite Erzgebirge fahren und tanze zum stampfenden Rhythmus der Stahlrösser abwechselnd Melbourne Shuffle und Jumpstyle. Die Nachbarn aus der Etage unter mir bitten mich schnell, mich auf den Shuffle zu beschränken.

Als meine Freundin nach Hause kommt und sieht, wie ich völlig verschwitzt zum 43. Mal zu »Anybody Out There« ironisch in der Wohnung herumspringe, erteilt sie mir Internetverbot für eine Woche und setzt mich vor die Tür, in die Kälte.

Ich fahre eine Weile mit einer klapprigen, alten Straßenbahn und steige auf die alte Halde an der Zeche. Ich stelle mir vor, sie wäre verschneit. Es ist eigentlich ganz schön hier, wenn auch etwas einsam. Ob wir mit Schnee wohl überhaupt noch rechnen können? Vielleicht war das auch das erste Jahr der Entwicklung der Erde vom bewohnbaren Planeten zum ewigen Feuerball des allmächtigen Elementarmagiers.

Ich kaufe ein Brot und ein Eis, mache mich auf den Heimweg und freue mich darauf, zu zweit zu sein. Ich bin auf jeden Fall für die Guten.

 

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Felix Stephan, DIE WELT






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