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Zustand & Atmosphäre: Destroy Degenhardt

Das Wetter und das Essener Label Weltgast machen gemeinsame Sache. »Zustand & Atmosphäre« ist eine audiovisuelle Plattform, auf der wir ab jetzt einmal im Monat einen Künstler aus unserem Umfeld präsentieren. Natürlich getreu der Unterzeile unseres Magazins. Heißt: Musik in Form eines Videos und ein Text, der sich lose darauf bezieht.

Fünf
Text: Tristan Heming

Will ein Buch lesen in der Bahn, Der Zauberberg, Thomas Mann. Gut, dass ich einen Kindle habe, weil jetzt keiner weiß, was ich lese und ich dadurch nicht wie der prätentiöse Idiot wirke, der ich nur ungern wäre, aber wahrscheinlich ein bisschen bin.

Bin gleich da, sehe die Kräne, da die Kirche, noch ein Halt;
in der nächsten Ecke der Menschheit zwischen Herdecke und Lüdenscheid.
Wo Wärme die Dinge fließen lässt und bunt, kommt Kälte und macht alle gleich, es könnte immer der beste oder schlimmste Tag meines Lebens sein.

Nach zwei Tagen habe ich davon gehört. Nach zwei Wochen haben wir immer noch den ganzen Tag bloß an die Wand geguckt und darauf gewartet, wieder zusammen an die Wand zu gucken. In meiner Erinnerung hat mindestens sieben Tage lang niemand irgendwas gesagt. Ohne zu reden wären wir aber nie an Unmengen an Hansa Pils und Fusel-Gin gekommen, die nun jedoch eindeutig leer in der Küche herumstanden. Zum Glück war das nicht meine Küche. Bei einem Paket Pueblo Lungensprengstoff am Tag musste dann bald aber auch mal Ende sein.

Die nächsten Jahre verschwimmen,
passiert ist vermutlich nicht viel.
Wir waren völlig ungeniert,
auf Koks und Heroin.

Geld für Drogen hatten wir natürlich leider nie, der Rausch blieb also der selbe. Was gesünder war, aber die Eskalationskurve total behindert hat. Nach drei Jahren leben wir immerhin nun alle noch. Wachgerüttelt hat es alle, die Frage ist nur, woraus, und ob das mehrheitlich eine Verbesserung war. Das Sprengen der Verkrustung ist ein Anfang, der ohne Vorsorge im Desaster endet. So war es dann bei Stefan, der sich ziemlich frei gemacht hatte.

Nach ziemlich genau vier Jahren habe ich gerade davon erfahren. Einen Monat später sind wir ihn besuchen, was so ekelhaft ist, wie man sich das eben vorstellt: Einige überdenken sich, einige überdenken andere, und einige denken gar nicht. Weinende Partner, schockierte Freunde, einigermaßen ungerührte Bekannte, die versuchen durch Phrasen und Biertrinken sowas wie Gefühle zu simulieren. Ich lasse mich nicht täuschen.

Zu früh, noch so viel vor, er lässt viele zurück, zu kurz, zu wenig, zu schnell. Wie wäre es denn richtig? Sagt endlich, wann ihr zufrieden seid. Vielleicht war es das, was er wollte, und wir sollten uns nicht beschweren. Vielleicht sind wir krank, weil wir uns so daran klammern. Vielleicht hat er einfach seinen Frieden gemacht. Aber vielleicht war es auch das billige Speed, das ihm das Herz zerfressen hat und das vermutlich viel zu teure Heroin, das ihm den Willen nahm. Wahrscheinlich eher das.

Mein Buch kommt in den Rucksack,
setz den ersten Fuß hinaus.
bis jetzt hatt’ ich noch nie
vor Trauer fast gelacht.

Im grauen Vormittag warte ich auf meinen Vater, der mich abholt. Familienfeste sind immer nett, aber ein paar Minuten sind es noch, in denen ich mich vorbereite. Gestern war es wieder ein Jahr mehr, Stefans erstes. Ich kam nicht auf den Hof, er war abgeschlossen, da bin ich wieder gegangen. Zu einem Freund, der gleich um die Ecke wohnte, ein Double Feature der ersten Güteklasse. Eigentlich haben wir uns nur profan unterhalten und uns ein wenig angeschwiegen. Jeder macht das anders, hört man immer, und es stimmt, trotzdem ist es reichlich seltsam, mit seinem Schmerz so ewig allein zu sein. Was für ein Kitsch. Gut, dass ich jetzt Kuchen essen und auf die Frage „Und, läuft alles?“ mit „Ja, klar!“ antworten kann.

5 verdammte Jahre.

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Felix Stephan, DIE WELT






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