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Gab es das alles nicht schon mal?

Junge Männer, die behaupten, dass sie nur um der Kunst und der Ästhetik willen schreiben wollen? Die das aber tun in einer Zeit, die so politisiert ist wie seit langem nicht?

Rechte bis rechtsradikale Positionen nehmen im Blätterwald zunehmend mehr Raum ein. Rechtskonservative, Nationalisten und Identitäre treiben die Politik und den publizistischen Mainstream vor sich her. Seitdem die AfD im Bundestag sitzt, will man – auch im Feuilleton und auch auf der Buchmesse, wo sie doch sein sollten, die Belesenen, die Besonnenen, die Hinterfragenden –  jetzt wieder mit Rechten reden und meint damit auch geistige Brandstifter wie Götz Kubitschek. Man will zwar widersprechen, aber sich trotzdem austauschen, Gemeinsamkeiten betonen und denkt, so die verlorenen Söhne und Töchter zurück auf den Pfad der Gerechten holen zu können. Aber das hatten wir in Deutschland doch auch schon mal, und vergleicht man die Gegenwart nun mit den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, kann man, wie wir finden, nur zu einer moralisch verantwortungsvollen Schlussfolgerung kommen: Wir können es uns nicht länger leisten, nicht zu widersprechen. Wir können es uns nicht länger leisten, keine Stellung zu beziehen.

In den letzten vier Jahren haben wir als Das Wetter ein Magazin und als Korbinian Verlag mehrere Bücher herausgebracht, sowie als Rich Kids of Literature Literaturshows veranstaltet. Dabei verließen wir uns stets darauf, dass allein schon die Auswahl unserer Inhalte deutlich genug zeigt, wo wir moralisch und politisch stehen. Umso erstaunter waren wir, als ein junger Schriftsteller namens Simon Strauß anfing, sich in mehreren Interviews auf unsere Ideen, unsere Namen und unsere Energie als eine für ihn sinnstiftende Quelle zu beziehen. Sein Hauptbezugspunkt war dabei stets die Ultraromantik von Leonhard Hieronymi, die im Sommer letzten Jahres im Korbinian Verlag erschienen ist.

Die Ultraromantik verstanden wir, seine Verleger und Freunde, dabei stets als Vehikel für seine nicht komplett, aber irgendwo doch ernst gemeinte, aber zugleich lustige Kritik an der Gegenwartsliteratur. Es hätte genauso gut ein Neo-Dada, Hyper-Expressionismus oder Ultra-Surrealismus werden können. Leonhard wollte mit seinem Manifest nicht die Welt verändern, aber die Literatur. Genau wie wir als Gruppe Rich Kids Of Literature wollte er mehr »Action & Fun« in den Literaturbetrieb bringen, er wollte neue und stärkere Fiktionen erfinden, die nicht nach der Vergangenheit, sondern nach der Zukunft ausgerichtet waren –  eine in erster Linie ästhetische Forderung, keine inhaltliche.

Dadurch, dass er sich in seinem Manifest ästhetisch zum Teil auf die Romantik bezog, reihte sich Leonhard natürlich in eine deutsche Sehnsucht mit Tradition ein. Zu dieser Tradition gehört die geschichtliche Erfahrung, dass Werke oder Begriffe, die sich als ideologiefrei, allein dem Ästhetischen und nicht dem Weltlichen zugewandt verstehen, dazu benutzt werden können, jene Sehnsucht nach einer Ästhetisierung des Lebens (und der Politik) weltlichen Zwecken dienlich zu machen. Eine angeblich reine Ästhetik schließt »ein Schweigen über so viele Untaten« mit ein, wie es Bertolt Brecht formulierte, deswegen kann man sie so leicht benutzen, umdeuten, unterwandern.  

Während eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte vorbereitet wurde, publizierten viele namhafte Intellektuelle und Dichter in den Zwanzigern realitätsferne, den politischen Entwicklungen entrückte Texte, ließen sich reihenweise von der NS-Ideologie vor den Karren spannen und wurden zu Mittätern: Weil sie nicht widersprochen hatten, machten sie sich schuldig. In finsteren Zeiten ist auch ein Gespräch über Bäume und blaue Blumen ein Verbrechen. Auf der anderen Seite gab es natürlich auch genug Autoren, die sich direkt schuldig machten, weil sie die NS-Ideologie weiter mit sogenannter »Blut und Boden«-Literatur, die sich stark an den Bildern der Romantik bediente, befeuerten.  

In den vergangenen Jahren stand in der Öffentlichkeit bereits mehrfach der Begriff unserer historischen Verantwortung als Nachfahren jener Menschen, die diese Verbrechen ermöglicht haben, zur Disposition. Und neuerdings regt sich auch in der jungen deutschsprachigen Literatur etwas: Geister werden gerufen, die offenbar Schluss machen wollen mit dem »Schuldkult« wie es Björn Höcke ausdrückte, die wieder selbstbewusster mit dem eigenen historischen Erbe umgehen wollen und die sich überdies darüber beklagen, dass in der deutschen Literatur zuviel über »Masseneinwanderung« geschrieben wird. Plötzlich konnte man als gefeierter Autor wieder von Wunden und Kämpfen, von heroischen Zeiten träumen. Von Zeiten, als Frauen noch Hausfrauen und Männer noch Soldaten waren.

Zum Glück kann man bislang nicht behaupten: Das ist eine Bewegung, die sich da formiert. Eigentlich besitzt dieser geschichtsvergessene Unsinn (nichts anderes ist es, wenn man nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts noch Soldaten und kriegerische Männlichkeit romantisiert) bislang nur einen einzigen Apologeten: Den oben bereits genannten Schriftsteller Simon Strauß, der in der FAZ den eben angesprochenen Holocaust-Leugner von der AfD als Thüringer Geschichtslehrer mit schwarz-rot-goldener Flagge auf den Knien verharmloste, der aus der rechtsradikalen Zeitschrift Tumult zitierte und sich Sorgen macht, dass die »vielen weißen(n) Männer und Frauen in diesem Land« in der »nationalen Marketingkampagne, die von Toleranz, Weltoffenheit und Digitalisierung bestimmt ist« keine Erwähnung finden und bei dem man sich deshalb ernsthaft fragen sollte, ob er sich als Antwort auf den Titel seines Textes »Deutschland döst« ein »Deutschland erwache« wünscht.

Vor wenigen Tagen sezierte der Autor Alem Grabovac in der taz in einem unheimlich treffsicheren Artikel die Texte des Botho Strauß-Sohnes und zeigte auf, an wie vielen Punkten dessen Schreiben an die neurechte Gedankenwelt andockt. Was diese Beobachtungen besonders alarmierend macht: Strauß ist angeblich der literarische Shooting Star des vergangenen Jahres und der neue Liebling älterer weißer Akademiker-Männer von Rüdiger Safranski bis Florian Illies und Volker Weidermann.

Tatsächlich erscheint fast jede Woche ein neuer Text von Strauß, in dem dieser es sich nicht verkneifen kann, wieder und wieder von heldenhaften Männern und von einer Literatur zu träumen, die sich nur der Ästhetik verpflichtet fühlt. Dieses Gefasel und sein Rückgriff auf den ohnehin problematischen und sehr deutschen Geniekult-Begriff scheint vor allem notdürftig verschleiern zu wollen, dass Strauß in beinahe jedem dieser Texte eine nach allen Seiten offene Gesellschaft kritisiert. Strauß Texte sind nämlich mitnichten ausschließlich der Ästhetik verpflichtet – höchsten ästhetischen Ansprüchen genügt seine oftmals altbacken-schläfrige Prosa ohnehin nicht – sondern einer politischen Agenda. Bei dieser geht es Strauß offenkundig vor allem: um sich selbst. Scheinbar hindern ihn gewisse Teile unserer pluralistischen Gesellschaft, unseres postmodernen Lebens daran, so zu sein, wie er gerne wäre: aufrecht, weise, stabil.

Der Schriftsteller Strauß scheint sich danach zu sehnen ein guter Soldat und Untertan zu sein, der sich für eine Sache, die größer ist als er selbst, aufgeben darf, ein »richtiger« Held halt. Und wenn kein Krieg ist, dann möchte er Frauen aufreißen, unnahbar sein, wild leben, wild denken. All das schreibt er auch genau so auf, in seinem Debüt »Sieben Nächte«, das uns beim ersten, hastigen Lesen vorkam wie ein etwas weltfremder, vergangenheitsbesoffener Aufschrei eines Konservativen. Liest man den Text allerdings genauer, entdeckt man im Text unter anderem »Feldherrengesten« und, wie auch in seinen journalistischen Texten, viel weiteres Vokabular (unter anderem redet Strauß von “Schützengräben des Geistes”), das nicht nur die Vergangenheit romantisiert, sondern die soldatische Männlichkeit von Ernst Jünger verehrt und – nur wenig harmloser – die Seemanns- und Soldatenlieder von Freddie Quinn.

Strauß verkitscht in seinen Texten nicht die 68er, nicht den Sturm & Drang, nicht Novalis oder Hölderlin, sondern das fatale Männerbild, das dazu führen konnte, dass 1914 und dann wieder 1939 zahllose junge Männer mit einem ernsten Lächeln auf den Lippen in die Schützengräben und in ihren Tod sprangen. Damit verharmlost er ein Deutschland, dass das letzte Mal, als moniert wurde, die Interessen der «weißen Männer und Frauen« würden nicht genug Erwähnung finden, über sechs Millionen Juden ermordet hat.

Es ist, als hätte er eine spezielle Form von Tourette, in der sich diese Sehnsucht nach »echter« Männlichkeit zeigt: Immer wieder bricht auch aus seinen journalistischen Texten eine Sprache hervor, die vor allem in seiner Vergangenheitsverklärung dem romantisch-nationalistischen Sprech der Identitären gleicht. Es ist grauenvoll!

Darüber dürfen wir nicht länger schweigen. Nein, noch mehr, wir müssen dem entschieden widersprechen. Das ist, was der Begriff der “historischen Verantwortung” meint. Er meint nicht, dass man sich keine Literatur wünschen kann, die fantasievoller mit der Welt umgeht. Aber als junger Autoren und Publizistinnen mit deutschen Wurzeln liegt darin unsere Verantwortung, es klar so zu benennen, wenn jemand die Lust am Fabulieren instrumentalisiert, um der deutschen Literatur ein romantisches, Heimat-orientiertes, Militarismus-verherrlichendes, maskulines Gedankengut einzupflanzen, das in einer erschreckend ähnlichen Erscheinungsform vor nicht einmal siebzig Jahren den Holocaust mit möglich gemacht hat. Das ist, was wir der Geschichte schulden.

Wie heißt es bei Ovid? (Alte Sprachen sind doch genau dein Ding, Simon!) Principiis obsta!

Katharina Holzmann & Sascha Ehlert im Namen der Rich Kids Of Literature, der Korbinian Verlag & Das Wetter – Magazin für Text und Musik

4 Kommentare zu “Gab es das alles nicht schon mal?

  1. Manuel Maus

    Ich befürchte, dass hier mit Kanonen auf Spatzen geschossen wird. Strauß, laut Wikipedia immerhin „der größte lebende Vogel der Erde“, hat in der FAZ zwar kürzlich seine Sehnsucht nach einem „unaufdringlichen Führer“ bekannt gegeben, meinte damit aber lediglich eine Smartphone-App, die dem italophilen Touristen S. den Besuch in Rom erleichtert, indem sie „seinen Rundgang im Voraus plant“. Wenn es ihm dadurch auch gelungen ist, den botanischen Garten Roms zu entdecken, glaube ich doch, dass man in dieser Allegorie den voraussichtlvichen Aktionsradius seiner geistigen Rundgänge erkennen kann.

  2. Andreas Strobl

    Danke für diese klaren Worte! Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Braunes Schwurbeln scheint in der Familie Straß genetisch bedingt zu sein – Stichwort: !Anschwellender Bocksgesang“. Da hilft nur genaues Lesen und das Aufweisen der Paralleln – nochmals danke dafür.
    Andreas Strobl

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