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Zustand & Atmosphäre 1: Soma Flaco – »Maybach«

Das Wetter und das Essener Label Weltgast machen gemeinsame Sache. »Zustand & Atmosphäre« ist eine audiovisuelle Plattform, auf der wir ab jetzt einmal im Monat einen Künstler aus unserem Umfeld präsentieren. Natürlich getreu der Unterzeile unseres Magazins. Heißt: Musik in Form eines Videos und ein Text, der sich lose darauf bezieht.

Den Anfang macht Soma Flaco, der es von Mönchengladbach zwar noch nicht bis raus in die Welt, aber immerhin schon mal bis nach Berlin geschafft hat. Von dort aus arbeitet der 23-jährige an seinem ganz eigenen Rap-Entwurf. »Maybach« verbindet dabei hypnotische Zither-Samples mit Somas Slow-Mo-Flow zu einer uniquen Cloud-Rap-Meditation. Im dazugehörigen Text nähert sich Tristan Heming dem Song auf literarische Weise.

Selbstmordgedanken auf der Rückbank des Maybach
Drei Stunden später ist es mal wieder aus dem Ruder gelaufen. Ich trinke schon seit Jahren nicht mehr, bin dafür aber ganz schön oft betrunken. Am Anfang trete ich im Nebenraum aus, als ich zurückkomme steht ein Bier an meinem Platz. Ich kann mich nur schwer wehren ohne negativ aufzufallen. Kurz darauf fordert der Kellner uns zum Schnapstrinken auf, wie immer auf der Grenze zwischen Entertainer, Geschäftsmann und (schlechtem) Suchtberater. Ich bin sauer. In der Hoffnung, meine Wut betäuben zu können, wird es mit jedem Schluck schlimmer oder trauriger. Stefan ist erst seit ein paar Tagen tot, wir waren nie die besten Freunde. Alles ist anders, seit er weg ist. Völliger Unsinn, das meiste ist noch genauso. Vor der Kneipentür lernten wir uns kennen und tranken 1,5-Liter-Flaschen Sangria um die Wette, die wir Pennerbomben nennen. Er war zuerst fertig, ich habe gewonnen. Irgendwann darf man sogar drinnen wieder rauchen, weil mit Zuwachs nicht mehr zu rechnen ist. Auch das habe ich natürlich vor Jahren drangegeben. In einer Stunde machen wir zu dritt irgendwelche zusatzstofffreien Billigzigaretten weg und kriegen Lungenschmerzen.

Ich vergesse die Hälfte meiner Sachen und laufe nach Hause. Am Hauptbahnhof brennt ein Aschenbecher, es stinkt noch übler als das Erbrochene daneben. Kurz vor der dunklen Gasse, die zu mir führt, bemerke ich eine junge Frau. Sie bemerkt mich auch, wirkt danach unruhig und geht einen anderen Weg. Ich bin sauer, weil sie mir misstraut, aber nur sehr kurz. Jetzt bin ich sauer, dass sie mir misstrauen muss. Weltschmerz ist ein widerliches, sehr deutsches Wort, das sich aber herrlich mit widerlicher betrunkener Melancholie verträgt. Ich schelle meinen Nachbarn wach und trinke mit ihm in den Sonnenaufgang.

Eine unangenehm unruhige Nacht, wer hätte das gedacht. Die frische Luft und ich sind beide sichtbar vernebelt, trotzdem verstehen wir uns nicht so gut. Ich huste eigentlich die ganze Zeit und sitze am Fenster direkt an der Tür. Als ein alter Mann eine junge Frau zu lange offensichtlich anglotzt, kriegt er das, was man umgangssprachlich Schelle nennt. Das ist ungerechtfertigt, er beschwert sich zu Recht. Doch nicht alles muss falsch sein, nur weil es nicht klug ist. Ich habe den Impuls, sie auf ein Bier einzuladen, die Gründe, aus denen ich es nicht mache, sind so vielfältig wie offensichtlich. Wie fängt ne Frau n schlauen Satz an? Mein Mann hat gesacht … Ich steige aus, obwohl ich noch ziemlich weit entfernt bin und merke, dass einer der Gründe für die ausgebliebene Einladung verschwunden ist: Der Unwille zu trinken. Manchmal wünschte ich, ich hätte die allumfassende Gelassenheit von Leuten, die Profilfotos im Internet nur mit »model« kommentieren. Völlig frei im leeren Raum, ohne jedes Gefühl, das sie bindet.

Ich steige in ein Taxi und fahre zurück zur Kneipe.

1 Kommentar zu “Zustand & Atmosphäre 1: Soma Flaco – »Maybach«

  1. Dunkel, melancholisch… Was wird aus der Menschheit? Soma spricht aus was viele denken und wovor wir alle Angst haben … Die Stimme der Hammer! Geht tief ins Herz und bleibt in Deinem Kopf!

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