Home Blog Shop Ausgaben Verkaufsstellen

Warum weinst du?

Text: Felix Diewald, Fotos: Fabian Kasper

Bestellen: Das Wetter #12

Faber ist ein junger Schweizer Liedermacher. Aber voll auf die Fresse. Du bist zwar erst sechzehn, aber komm’ wir drehen Sexszenen. Stell dir vor, deine Freundin wird vergewaltigt. Was machst du? Vermietest du deine Wohnung lieber an ein junges Paar oder eine WG?  Wechsle die Seiten, wenn sich`s lohnt und verrat all deine Freunde. Das alles hat Faber gesagt.  Wir treffen ihn im Max-Frisch-Bad in Zürich. Unter der Wiese liegt vielleicht noch ein Skelett. Unsere Reise wird am nächsten Tag an einem Grab enden. Aber der Reihe nach.

 

DER ERSTE TAG

Das Max-Frisch-Bad, jeder Zürcher sagt Letzibad, ist ein Freibad in Zürich. Es ist benannt nach dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch. Er ist zuerst Architekt, später Full-time-Schriftsteller. 1947 erhält er den Zuschlag für den Bau des Letzibades. Es ist das einzige größere Objekt, das Frisch als Architekt verantwortet. Doch es hilft Frisch auf andere Weise: Die Stimmung in Europa nach dem Krieg ist verzweifelt, die Situation chaotisch. Frisch ist sich nicht sicher, ob Schreiben das richtige für ihn ist.Frisch baut das Bad auf. Und es ihn.

Max Frisch im August 1947 in seinem Tagebuch:
Endlich ist es soweit, dass wir mit unserem Bau beginnen. Die ersten Arbeiter sind auf dem Platz; ihre braunen Rücken glänzen von Schweiß, um die Baracke, wo unsere Pläne warten, wimmelt es von leeren Bierflaschen: In zwei Jahren, die mir sehr lang erscheinen, soll die Anlage eröffnet werden, ein Freibad für das Volk. Vor hundert Jahren war hier der Galgenhügel; der Aushub wird nicht ohne Schädel sein.

Eines von Max Frischs Werken heißt »Homo Faber«. Julian Pollina, der Typ, wegen dem wir von Wien nach Zürich geflogen sind, nennt sich als Sänger auch Faber. Aber nicht wegen Max Frisch. Sondern wegen Fabrizio de André, einem italienischen Liedermacher. Aber weil Julian, der sich als Sänger Faber nennt, aus Zürich kommt, sind wir jetzt trotzdem im Letzibad. Wie er da steht, absichtlich nachlässig. Sein Trick ist, dass er auf den ersten Blick aussieht wie einer, der gern Indie hört und so. Nur ohne das Schüchterne. Der Typ war schon auf vielen Bühnen. Willst du einen Film drehen, über die Folk-Szene im New Yorker Village der Sechziger, Faber ist dein Mann.

Der Unterschied, sagen viele, von Faber zu den anderen jungen deutschen Liedermachern ist: Dass er weniger vom englischen und deutschen Sprachraum beeinflusst wurde. Sondern vom Lateinischen. Faber: »Es klingt n’ bisschen wie Chansons, sagen die.«

Seit einem Jahr wohnt Faber gleich gegenüber vom Max-Frisch-Bad, ehemals Freibad Letzigraben, 8048 Zürich. Ohne Geschirrspüler, dafür mit der Gewissheit, dass das Haus bald abgerissen wird. Und was Neues hingestellt wird. Aber top Mietpreis für Zürich. Faber steht da oft in der Küche, 1. Stock, macht Geschirr sauber. Steht da also, mit Blick aus dem Fenster auf herumlungernden Jugendliche vorm Letzibad , die – bei jedem Wetter, na klar – Joints auf Lunge ziehen und ein ganz dreckiges Schweizerdeutsch draufhaben. »Das war total whack!« Whack ist HipHop für »schlecht«. Aber wenn Faber whack sagt, meint er das Gegenteil: positiv verrückt, crazy.

Max Frisch, 1947 in sein Tagebuch:
Meine Baustelle hat noch wenig mit Architektur zu tun. Trotz der vielen, teils sieben Meter tiefen Gräber bisher nichts gefunden, nicht einmal ein menschliches Skelett. (…) Zur Zeit bin ich es, der seinen Willen einträgt in dieses Flecklein unsrer Erde, Feldherr über fünfundreißigtausend Quadratmeter.

 

In der Schule ist Faber nicht besonders. Im Arbeiten auch nicht. Aber er kann schon als Jugendlicher das Singen. Singt italienische Schlager, Adriano Celentano, solche Sachen. Hochzeiten, Geburtstage, italienische Restaurants.

Während wir von Foto zu Foto durchs noch leere Letzibad spazieren, summt Faber. Aber wie einer, der wirklich singen kann. Bauchatmung, aus dem Zwerchfell.

Nach vielen Schulen, in denen er wenig lernt, das Abitur. Danach: alles oder nix. »Ich geb mir jetzt zwei Jahre. Spiel so viel wie möglich. Und wenn ich dann nicht davon leben kann, überleg’ ich mir was Anderes.« Fabers Freunde sind eher so: »Yo, ich geh jetzt reisen, arbeiten, chillen und dann mein Studium anfangen. Oder werden Volunteers bei einem Hilfswerk in Benin.«

»Ich war natürlich nervös.« Faber braucht den Cut. Vor allem mit der Band. »Wir waren ganz gut. Aber viel zu safe. Die haben überlegt: Wenn wir das jetzt so machen, dann können wir in zwei Jahren…« In zwei Jahren?! In zwei Jahren, Faber ist sich damals sicher, spielt er mindestens auf der ganzen Welt. »Ich baller erstmal durch und irgendwas wird schon passieren.«

Er raucht irgendwelche Zigaretten, keine Ahnung welche. Kette.

mehr in der 12. Ausgabe von Das Wetter auf den Seiten 79- 85…

0 Kommentare zu “Warum weinst du?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

»Ein längst stilbildendes Organ für ästhetische Zeitgenossenschaft.«
Felix Stephan, DIE WELT






Facebook       Instagram       Twitter       Kontakt       Verkaufsstellen       Impressum       AGB