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Jahresrückblick eines Pseudo-Revolutionärs

Text: Juri Sternburg, Illustration: Katherina Nesterowa

Bestellen: Das Wetter Ausgabe #5, Das Nirvana- Baby 

Ein Gang durch die Stadt. Hunderte von Zielen, unzählige Legitimationen. Niemand weiß, was er zuerst auswählen soll. Gebäude und Menschen, feindselige Darstellungen von Dominanz. Alles besser als das Fernsehprogramm oder die Fressen, die einem beim Bäcker begegnen. Wobei der Großteil der Bevölkerung morgens schon so beschissen aussieht wie Vera am Mittag. So in etwa würde sein Bekennerschreiben beginnen, wenn er denn wirklich durchgreifen würde. Heute ist es eventuell soweit. Er konnte es spüren. Der Druck steigt. Um ihn herum das übliche Vorweihnachtsgeplänkel, Dominosteine aus Marzipan, Spenden an Afrika, Blaumanntanne 24,90€. Er setzte sich die Kopfhörer auf, die in etwa so viel wert waren wie das Leben eines Flüchtlings und drückte auf den Shuffle-Knopf seines doppelt so teuren iPods. Ihm doch egal was er jetzt hören würde, der Sound war so hochklassig, da spielte der Inhalt eine untergeordnete Rolle.

»Ihr seid rennende Lemminge, seid verweichlicht und zahm/Eure Ausrede: leichter gesagt als getan – wie arm«, polterte es durch die Gehörgänge.

Der Zufall ließ ihn nicht im Stich.
Der Gedanke, ein Bekennerschreiben zu verfassen, kam ihm lange bevor es einen Grund dafür gab, aber dann, gestern erst, wurde ihm von so einem Schwein in Uniform die Nase gebrochen. Die Spinnen. Die Bullen. Die Schweine.
Und alles nur, weil er mit seinem neuen Smartphone, welches Lisa ihm zu Nikolaus in die Nike-Sneaker gesteckt hatte, eine unüberschaubare Szenerie filmen wollte. Lange hatte er sich gewehrt gegen diese Telefone, in seinem Umkreis hatte er mehr Freunde an das iPhone verloren als an die Drogen. Und jetzt, wo es irgendwie Sinn machen würde dieses Gerät zu benutzen, weil er diese unmittelbar erlebte Ungerechtigkeit auf den Mikrochip bannen könnte, um sie den imaginären Massen vorzuführen, da wird ihm das auch wie- der verwehrt.
Die Situation war diffus, Kraft spendend und Ohnmacht auslösend zugleich. Angst zerfressene Blicke auf beiden Seiten, genährt aus der Panik vor den möglichen Konsequenzen. Im Endeffekt unterschied sich die Gewalt hier nicht von der Gewalt anderswo.
Egal ob im Supermarkt oder bei der Revolution. Jeder wie er will, aber so nun nicht. Im Supermarkt wird wenigstens noch kommuniziert, auch wenn die Kommunikation zwischen Magnetkarte und Lesegerät stattfindet. Immerhin ein funktionierendes Gespräch.
Hätte er sich kurz nach dem Schlag auf die Nase mit dem schnaufenden Robocop unterhalten, wären beide sicherlich ziemlich schnell einer Meinung gewesen: Er wollte beim Fotografieren nicht verprügelt, der Beamte beim Verprügeln nicht fotografiert werden.
Was für ein unterirdischer Witz.
Er schickte Lisa Brötchen holen, nachdem sie diesen Gedanken äußerte. Derart billige Wortspiele hatten in seinem Bett nichts verloren. So etwas musste man wirklich nicht aussprechen und Lisa war ihm schon lange ein Dorn im Auge. Warum eigentlich? Fast wäre es ihm entfallen, ist ja auch uninteressant. Kurz darauf war sie wieder da.

»Skandal!«, rief sie laut durch die Wohnung. Er ließ das Salzfass in den Waffelteig fallen und eilte ins Wohnzimmer, wobei er sich den großen Zeh am Bettpfosten stieß. Lisa versuchte ihm zu erklären was der Anlass ihres Ausrufs war, aber er beschimpfte immer noch das Bett.

Ein Junge war anscheinend nicht in einem Ballon.
 »Nein? Sondern?«
Auf dem Dachboden seines Elternhauses. »Hä?«

Also noch mal: die halbe Welt hatte live im TV dabei zugesehen, wie ein sechsjähriger Junge in einem nicht kontrollierbaren Heliumballon umherflog und beim Absturz wahrscheinlich sterben würde. Der Ballon stürzte auch tatsächlich etwas abseits der Kameras ab – doch das Kind war nicht mehr da. Die Eltern behaupteten, er habe sich kurz vor dem Absturz in eine Baumkrone gerettet.

»So, so. Und?«
Dieses mediengeile Pack hatte sich die ganze Geschichte nur ausgedacht um ins Fernsehen zu kommen.
»Ja aber es hat doch geklappt!«
Darum ginge es doch gar nicht. Alle dachten, der Junge sei in Lebensgefahr, auch sie habe die Bilder live im Fernsehen gesehen und sich Sorgen um den Kleinen gemacht, doch dann habe der Bengel sich einige Tage später in einer Talkshow über- geben und die Wahrheit gesagt. Er war nie in dem Ballon.
»Dir wäre es also lieber, er wäre in dem Ballon gewesen?«
Nein, das natürlich auch nicht, aber diese Familie hätte nun mal alle an der Nase herumgeführt.
»Wen alle?«
Na, die Zuschauer.
Bleibt die Frage, ob die Tatsache, dass Millionen Menschen stundenlang einem Ballon beim Fliegen zugeschaut haben, weniger skandalös wäre, wenn der Junge nun schwer verletzt oder gar tot in einem Leichenschauhaus vor sich hin gammeln würde?
Solange Nachrichten wie »Hund beißt Mann« weniger wert sind als »Mann beißt Hund« wird man Dinge wie diese wohl noch öfters erleben.
»Schalt doch bitte um, Paul«, sagte sie. Offensichtlich ging ihr der Junge, der nicht im Ballon saß, sehr nahe.
 Paul tat, wie ihm befohlen.

Zapp. Irgendwelche Hooligans demonstrieren in westdeutschen Kleinstädten gegen bärtige Extremisten. Die bärtigen Extremisten sind allerdings gar nicht da. Entscheidung vertagt. Zapp. Dutzende Musiker singen zusammen ein dreißig Jahre altes Lied, offensichtlich weil sie alle von Ebola befallen sind oder so. Zapp. Zwei Dinosaurier in Anzug und ein schmieriger Moderator diskutieren über Waffen- Exporte… Ach Mist, die Waffeln.

Paul wurde aggressiv, was sollte dieser ganze private Scheiß hier eigentlich grade, er wollte ein stolzer Revolutionär sein und musste sich mit Waffeln und frischgepresstem Orangensaft herumschlagen. Lisa trat in die Küche, als er gerade das gesamte Frühstück in den Müll warf.

»In Syrien gab’s heute auch kein Frühstück!«, sagte er und deutete ihr den Weg zur Tür.
»Du machst schon den Mund auf, wenn du nur lügst!«, rief sie noch durch den Flur. Das musste er sich später notieren.

Er hatte jetzt andere Sorgen. Wie soll man denn ein Bekennerschreiben formulieren, wenn man noch nicht mal etwas geplant hat? Aber wenn dann doch mal was passiert, dann sollte man vorbereitet sein.

Jeden Tag das Gleiche. Ein Gang durch die Stadt. Hunderte von Zielen. Du weißt noch nicht einmal, was du zuerst auswählen sollst. Und die Sekunden vergehen, Minuten drängen sich aneinander, Stunden poltern dahin und die Tage pfeifen unbeschwert. Immer noch nichts getan. Nicht in den Untergrund gegangen, keine Scheibe eingeschmissen, nicht mal einen Polizisten beschimpft. Dabei weiß doch jeder, dass es an der Zeit ist.

Alle wünschen sich einen Porsche… …brennen zu sehen, solange es nicht der Eigene ist.
Brennende Autos waren vielleicht ganz lustig, aber da musste doch noch mehr gehen. Viel mehr.
 Er lief durch die Wohnung. 
»Unsere Gedanken werden geschliffen von den Diktaturen der Blicke und monotonen Wiederholungen, auf der Suche nach Wegen des Verstoßes.«
Wäre das nicht ein guter Satz für ein Bekennerschreiben?
 Er zog sich die Schuhe an.
Die internationale Solidarität ist an und für sich eine schöne Sache, soviel war klar, aber der Kampf um Befreiung ist im Endeffekt genauso unwichtig wie international. Chaos ist der Hoffnungsschimmer. Er öffnete die Wohnungstür.
Wenn er nicht eine solche Aversion gegen Märtyrer hätte, dann hieße sein Bekennerschreiben ›Abschiedsbrief‹ und fertig. Er ging auf die Straße.
Die Sonnenallee war mal wieder besonders Grau in Grau heute, nicht mal die ein oder andere Messerschießerei erfreute das leidgeplagte Auge. Die türkischen Nationalisten der Bozkurt a.k.a die Grauen Wölfe standen selbst zu dieser unchristlichen Zeit Wache vor ihrem Telecafe, das war’s. Niemand interessierte sich für die hunderte von Zielen. Zwei Polizeistreifenwagen in der Garage einer Autowerkstatt. Nur eine Glaswand trennt die Nationalisten von den Fahrzeugen. Doch für derlei haben sie keine Muße, die sind damit beschäftigt sich gegen die Absichten anderer Nationalisten abzusichern. Mein Gott, wie reflektiert man heutzutage ist. Zum Glück hat man alles verstanden, da muss man sich um weniger kümmern, ist ja eh klar, wusste man doch längst, ist halt so, das ist ja nun wirklich nichts Neues Herr Nachbar.
Im Endeffekt gibt es ja auch nichts, worüber man sich hier beschweren müsste, solange man sich an die Regeln hält und das ist ja wohl nicht zu viel verlangt. Abgedroschene Phrasen sollten zwar vermieden werden, aber wenn niemand zuhört, dann muss man sich nun mal wiederholen.

Regel Nummer 1: Alles ist erlaubt.

Regel Nummer 2: Nimm die Schuhe vom Sofa, du bist hier nicht zu Hause.
So würde es das junge Mädchen vermutlich nicht formulieren, welches an der Straßenecke stand und Flugblätter einer Kriegsverbrecherpartei verteilte. »Atomkraft? Nein danke«, stand auf ihrem grünen T-Shirt. Ihr war die Freude über dieses Statement anzumerken. Ihr Enthusiasmus in allen Ehren, aber wie ein Bekennerschreiben sah das nicht aus.

»Erst wenn die letzte Bank enteignet und die letzte Währung vernichtet wurde, werdet ihr merken, dass man mit Brot nicht bezahlen kann«, murmelte Paul vor sich hin und wehrte mit der Hand einen Flyer ab, der ihm entgegengestreckt wurde.

Wenn die Reklame in den Straßen eine optische Abwechslung ist, dann läuft aber wirklich was verkehrt, dachte sich Paul, ohne dass jemand in der näheren Umgebung wusste wer Paul ist.

Ein Weihnachtsmann-Verschnitt schwang seine güldene Glocke auf und ab. Das obligatorische »Ho, Ho, Ho!« hallte durch die fast leeren Straßen und sein Atem roch nach Schnaps. Das war immerhin die Erfüllung eines Klischees und außerdem äußerst subversiv. Traumatisierte Kinder konnte man nie genug haben.

Paul hingegen hatte den gestrigen Tag damit verbracht, eine Video-Installation zu betrachten, in der ein kleiner Junge stetig »Mama, wo bist du?« in einen überdimensionalen Holunderbusch rief. Dabei plapperte ein Schnösel in Burberry etwas vom Mehrwert der urbanen Bourgeoisie im 21. Jahrhundert.

Irgendwann setzte er sich ans Fenster um eine Zigarette zu drehen und während die fliegenden Stadtratten sich auf die herunterfallenden Tabakkrümel stürzten, in der Annahme es handele sich um von einem barmherzigen Gott delegierte Brotkrumen, da sah er diese Ansammlung von Menschen auf der Straße. Sie riefen in die Nacht hinein, die üblichen Parolen von Widerstand und Aufruhr, nichts was man nicht auch von einem Obdachlosen geboten bekäme, der einen schlechten Tag erwischt hatte oder dem man seinen Geldbecher um trat. Aber wenn man die Wahl hat zwischen der Installation eines ödipalen Kunststudenten und etwas Rambazamba, naja.

Da geht man dann halt mal gucken und dann habe ich eben gefilmt, Sie wissen schon.
Der Beamte wusste anscheinend nicht. »Name?«, fragte er nur.

»Bakunin. Paul Bakunin.«
Die Plastikhandschellen etwas zu eng um die Gelenke geschnürt, saß Paul in der Polizeiwanne und versuchte sich zu erklären, während sich neben ihm jemand erbrach. Am Ende des Tages galten immer noch Regeln in diesem Land. Die Menschen um ihn herum waren entweder uniformiert oder von sehr dunkler Hautfarbe, alle schrien, nur er versuchte sich zu erklären, ganz so, wie er es einst gelernt hatte. Neben ihm weinte ein erwachsener Mann, offensichtlich hatte er einige Schläge auf die Schläfe bekommen, Blut rann auf den Boden, es roch süßlich. Vielleicht war es das Blut, vielleicht die Kotze, wer kann so was schon differenzieren. Die Tür öffnete sich.
»So, der hier kann gehen, wenn er das Video von seinem Handy löscht, der Rest kommt mit.«
Montag, 15.Dezember, im Morgengrauen. Jetzt war es aber definitiv Zeit für ein Bekennerschreiben.

An der nächsten Haltestelle standen die gleichen Figuren wie sonst auch. Paul hasste die Blicke der Menschen im Bus. Paul hasste den Busfahrer. Paul hasste Aktentaschen, würde dies jedoch nie äußern, da es viel zu nahelag, Aktentaschen nicht zu mögen. Bereits die Generation seines Vaters hasste Aktentaschen und hörte dabei Ton Steine Scherben, so langsam benötigte man ein neues Feindbild, auch wenn sich das Alte noch nicht erschöpft hatte. Er überlegte kurz dem herannahenden Bus ein Bein zu stellen, ganz überraschend. Da würden Sie aber gucken, wenn er mit einem offenen Schienbeinbruch sein Bekennerschreiben rezitieren würde.

Mark Chapman konnte einpacken.
Er suchte sich einen Platz im hinteren Bereich, dort wo es schön leer war. Paul war zwar relativ wortgewandt, doch wenn er alleine war benötigte er dieses Talent so gut wie gar nicht und es war dringend notwendig Ressourcen zu sparen. Ressourcenknappheit war schließlich in aller Munde, besonders in den Mündern der… Er hatte Lisa damals verboten den Satz zu beenden, das war garantiert rassistisch und musste jetzt wirklich nicht sein. Nicht heute, wo schon wieder mehrere Dutzend Flüchtlinge im Meer ertrunken waren. Wie pietätlos von ihr. Und das kurz vor Weihnachten.
Zwei Kontrolleure diskutierten nun mit einem in die Jahre gekommenen Spätpubertierenden, offensichtlich war sein Fahrschein vor 13 Minuten abgelaufen. »Nicht mein Problem, wenn Sie zu spät kommen«, lachte der ewig Jugendliche und schubste einen der 1€-Jobber zur Seite, um auf die Straße zu hechten. Kontrolleure wären natürlich ein gutes Ziel, das würde jeder verstehen können. Darüber sollte er mal nachdenken, oder?
Er hauchte gegen die Busscheibe und malte

ein Fadenkreuz in seinen sichtbar gewordenen Atem.
Pustekuchen, soweit kommt es noch. Er wollte beileibe nicht mit einem dieser Kids verglichen werden, die wahllos Betonplatten von Autobahnbrücken warfen. Statistisch gesehen trafen Sie garantiert oft genug die Richtigen, aber was waren schon solche Zahlenspiele.

Manchmal gab es Hoffnungsschimmer. Vor einigen Monaten hatte er eine Videoaufnahme von einem Drogenzombie gesehen, der in Miami einem Obdachlosen bei lebendigem Leib das Gesicht auffraß. Die Polizei filmte das Ganze aus einem Hubschrauber und der nackte Zombie riss Stücke aus dem Obdachlosen, ohne sich um die Kugeln zu kümmern, die in seinem Rücken einschlugen.Kurz beschlich Paul das Gefühl, dass dies der Anfang vom Ende war, aber offensichtlich hatte er sich getäuscht, eine Epidemie blieb aus und wenige Tage später war der Untote, der offensichtlich eine neue Droge namens »Cloud Nine« ausprobiert hatte, aus den Schlagzeilen verschwunden und die Hoffnung wich wieder. Irgendsowas wie Vogelgrippe war jetzt das Thema, aber nur so lang bis in der Bundeswehr wieder jemand auf die Idee kam, perverse Nazi-Videos zu drehen oder überteuerte Drohnen zu kaufen. Plötzlich sprach die ganze Welt von somalischen Piraten, diese schienen sich jedoch bald andere Jobs zu suchen, denn jetzt ging es hauptsächlich um die Bankenkrise. Ein Charity-Song für die Banken würde jetzt gut tun. »Do they know its business time?« zum Beispiel. In Nigeria wurden zweihundert Mädchen entführt, aber als diese trotz einer Twitter-Kampagne nicht freigelassen wurden, sprach man halt wieder von diesem lustigen Video, in dem zu sehen ist wie eine Katze vermeintlich Keyboard spielt. Kurz darauf ging es dann nur noch um die Chinesen und ihre künstlich herbeigeführte Milchknappheit, dann wieder Vogelgrippe oder Ebola und schlussendlich bestimmte der Tod eines Hollywoodstars die Titelseiten. Die Vogelgrippe war offensichtlich besiegt. Es war an der Zeit die Apokalypse selbst herbeizuführen. Chaos in die Ordnung zu tragen.

Hier im Bus könnte man doch damit beginnen.
»Nehmen Sie lieber die Tasche an sich, das sind doch die Typen, die hier immer die Gepäckstücke aus den Bussen klauen«, rief einer der Kontrolleure in Richtung einer Charlottenburger Witwe und deutete auf eine Gruppe arabischer Männer mit wallenden Bärten, die jeden Sylter Seebären vor Neid erblassen ließe. Keine Hooligans in Sicht.

Paul war zu müde um sich aufzuregen, Parolen wie diese hörte er täglich.
»Es tut mir leid…«, einer der Männer löste sich aus dem Pulk, »…da haben Sie etwas verwechselt. Wir sind nicht die Leute die Taschen aus Bussen klauen, wir sind die, die Taschen in den Bussen stehen lassen.« Wäre die Lösung vielleicht Bekennerschreiben für andere zu verfassen und selbst im Verborgenen zu agieren? Wenn die hier keine Bekennerschreiben brauchen, wer dann? Paul würde gern fragen, aber er musste raus aus dem Bus, Lisa wartete sicher schon vor der Wohnungstür, er hatte ihr verziehen, per WhatsApp, na klar. So alleine war irgendwie auch Scheiße. Die letzten Meter fühlten sich an, als ob ihm Betonklötze an den Füssen hingen. Hunderte von Zielen, unzählige Legitimationen. Niemand weiß, was er zuerst auswählen soll. Gebäude und Menschen, feindselige Darstellungen von Dominanz. Lichterketten in den Fenstern. Der morgendliche Wecker klingelt laut in unseren Ohren, identische Figuren erschrecken uns auf der Straße, unsere Albträume lauern an der Straßenecke. Träume werden unterbrochen durch Verfolgungsjagden, Schreie durch Folter und den letzten Worten der Menschen, die hingerichtet wurden oder Selbstmord begangen haben. Der ruhige Nachtschlaf in der Metropole, in den dunklen Schlafzimmern, unter den blutbefleckten Laken, ist nur heuchlerisch. Wie kann jemand in seinem Schlaf versinken, seine Augen schließen und träumen, während zur selben Zeit die Schatten der Straßen unter Verfolgung stehen? Wie kann das Gewissen selbstzufrieden auf einem Kissen liegen, wenn das Blut der ganzen Welt nachts durch die seufzenden Straßen fließt? Pretty deep thoughts.

Endlich war er an der Tür angelangt. »Alles gut?«, fragte sie.
»Ja natürlich. Ich muss nur noch schnell ein paar Emails losschicken und dann geht’s ab in den Tierpark, wie versprochen.« Die Kaiserpinguine mochte sie besonders. »Lasst die A en aus dem Zoo!«, dröhnte es aus den Boxen im Wohnzimmer. Er hatte seine Emails verschickt, nicht eine einzige enthielt ein Bekennerschreiben. Lisa tanzte in einer weißen Unterhose zwischen den Möbeln hin und her. The girl next door, gleich hier in Pauls Zimmer, das war ein durchaus schöner Anblick. Die Apokalypse musste wohl auf Morgen warten, aber irgendwann würde sie kommen. Ganz bestimmt. Er konnte sich ja nicht um alles kümmern. Spätestens nach dem Weihnachtsfest war es soweit. Beziehungsweise wenn er den Gänsebraten wieder von den Hüften runter hatte. Immerhin wird Evolution mit R geschrieben.

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Felix Stephan, DIE WELT






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