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Helena Hauff- Anti-Happy-Glücklich-Sonnenschein

Text: Wenzel Burmeier, Fotos: Daniel Feistenauer

Bestellen: Das Wetter #7 

Helena Hauff lebt von und mit Techno. In ihrem Wohnzimmer stampfen düstere Geschöpfe im stoischen Gleichschritt aus Synthesizern und Drum-Ma- chines. In ihrem zweiten Wohnzimmer, dem Golden Pudel Club, lärmen unbequemer Noise und kompromisslos knüp- pelnde Kickdrums aus ihren Lieblingsplatten.

Helenas erstes Album erscheint dieser Tage auf dem Label der britischen Avantgarde-Elektronik-Ikone Actress. Ein Ergebnis von möglichst wenig Arbeit, glaubt man der Hamburgerin. Ei- gentlich war Helena längst auf dem Weg zum Minigolfen. Es geht hier schließlich um die ersten Sonnenstrahlen des bis dato schüchternen Hamburger Sommers. Auf dem Weg ins Rentner- Biotop Planten un Blomen fällt ihr aber unsere Verabredung ein. Nun sitzt die reizende Endzwanzigerin mit mir vor einer alteingesessenen Eimsbütteler Gastronomie, bestellt entschlossen ein Jever und erzählt davon, dass sich Arbeit falsch anfühle. Über uns braut sich ein Unwetter zusammen.

Ich frage mich, ob es nicht viel mehr Menschen Ende zwanzig geben sollte, die sich mit dem Vorsatz, möglichst wenig zu arbeiten, pudelwohl fühlen. Irgendwie will ich wissen, wie das funktioniert. Vielleicht fängt man erstmal damit an, wie alles angefangen hat. Wer etwas über Helena Hauff weiß, der weiß mit ziemlicher Sicherheit von ihrer Nähe zum Golden Pudel Club. Den eigentlichen Einstieg in ihr heutiges Treiben makiert aber ein Rave in einem Warehouse am Hamburger Stadtrand. Ihre Erinnerungen an diese Nacht ranken sich vor allem um eine lange Busfahrt, die sie damals von Poppenbüttel aus antritt. In jenem gutbetuchten Viertel verbringt Helena einen prägenden Teil ihrer Jugend, zu ihren Freunden zählt sie damals unter anderem eine Gruppe älterer Typen, die aufgemotzte Karren und Parkplatz- Hangouts zum Dreh- und Angelpunkt ihres Lebens auserkoren haben. Und dann kommt eben dieser Rave ins Spiel. »So geil war der wahrscheinlich gar nicht«, erinnert sich Helena heute mehr schlecht als recht – »aber es war halt Techno«.

Dazu muss man wissen: Wenn Helena von Techno spricht, dann geht es um ungeschönte elektronische Musik mit Liebe zum Experiment. Wo auch immer über Helenas Musik geredet wird, fällt mit ziemlicher Sicherheit der Begriff »dark«. Ein scheiß Wort, wie Helena findet. »Aber ich finde auch kein besseres«, muss sie mit einem Lächeln feststellen. »›Dark‹ hat oft so einen negativen Beigeschmack, der für mich gar nicht existiert. Aber das, was für viele Happy-Musik ist, macht mich einfach nur todunglücklich. Ich war auch als Teenager immer eher auf der dunkleren Seite der Musik.« Just in diesem Moment entladen sich die Wolken über uns mit markerschütterndem Grummeln und ich muss kurz an Jim Carreys geskripteten Alltag in der »Truman Show« denken.

Zwei Minuten später finden wir uns zwischen dem Zischen der Kaffeemaschine und dem heiteren Getratsche einer Runde Muttis wieder, die unterkühlte Bedienung hat uns an einen ungemütlichen, kleinen Fleck im Herzen des Ladens verwiesen. Helena schielt skeptisch auf unseren Nachbartisch, an dem ein Baby schreit – »Sorry, ich hasse Babys.« Nicht wenige haben bislang versucht, der »Darkness« in Helenas Musik auf den Grund zu gehen. »Mich hat mal jemand gefragt, ob sich in dem Industriel- len meiner Musik nicht der Hafen widerspiegeln würde«, erzählt sie. »Aber zu dem Zeitpunkt hatte ich gerade die letzten fünf Jahre meines Lebens in Poppenbüttel verbracht und davor war ich zehn Jahre in Bergstedt – da ist nichts rough. Wahrscheinlich kann man in keiner schöneren Gegend aufwachsen. Die Leute haben zum Abitur ihr Auto bekommen. Vielleicht war das schon zu schön und ich mag deswegen keine Happy-Musik. Wenn man die Schraube weiterdreht, ist es nämlich ziemlich deprimierend, dort zu wohnen. Ich habe wohl früher schon gemerkt: ›Hier stimmt doch was nicht.‹« Helena lacht. Als wir kurz darauf über polierte Musik sprechen, holt sie noch einmal aus. »Ich habe grundsätzlich nichts gegen einen cleanen Sound im technischen Sinne. Detroit-Electro zum Beispiel ist futuristisch, scharf und clean. Großartig! Aber Happy-Glücklich-Sonnenschein-Musik macht mich wahnsinnig aggressiv. Das fühlt sich einfach fake an. Die lächeln einen an und sagen: ›Guck mal wie toll das hier alles ist.‹ Da denke ich mir: ›Ne, ist doch alles beschissen, was soll das denn?!‹ Zeig mir, wie es wirklich ist, vielleicht macht mich das glücklicher.«

Richtig angefühlt haben sich für Helena ihre ersten Besuche im Golden Pudel Club. Schnell merkt sie, dass der kernige Charme, den das Stadtmarketing der Hansestadt am nördlichen Elbufer so gerne verspricht, eigentlich nur noch in einem Laden wie diesem zu finden ist. Im Franchise-gepfasterten St. Pauli hält der Pudel seit bald zwei Jahrzehnten wacker die subkulturelle Stellung – nicht umsonst spricht man auch von der Elbphilharmonie der Herzen. »Ich fand’s da sofort total super und bin immer wieder hin. Zu der Zeit bin ich auch zuhause ausgezogen, habe neue Leute kennengelernt und alles wurde immer besser«, erinnert sich Helena mit einem Lächeln. Dass sie mit Platten au egen will, wusste sie bereits seit dem eingangs erwähnten Provinz-Rave. Und als sie schließlich das Pudel-Personal kennenlernt, offenbart sich hier ihre perfekte Spielwiese für die freizügigen DJ-Sets, die Helena heute quer um den Globus schicken: »Zwei Stunden nur Noise spielen, dann langsam mit Techno anfangen – in einem Club wie dem Golden Pudel funktioniert das, da kann ich machen, was ich will.«

Parallel zu ihren bald zur Residency ausgebauten Sets in dem verrauchten Holzhäuschen an der Elbe, wächst auch der Gerätepark in Helenas WG-Zimmer immer weiter heran. Nachdem auf erste Produktionsschritte am Rechner vor allem Frustration folgte (»Ich wusste nicht, wo ich aufhören und anfangen sollte, habe tagelang an einem Track gearbeitet und der wurde einfach nicht besser«), schließt sie im Studio eines Bekannten den beliebten Bass-Synthesizer TB-303 der Marke Roland in ihr Herz. Wer einmal einen Acid-House-Track gehört hat, weiß, worum es geht. Wie das Glück so will, hat besagter Freund gleich zwei Exemplare dieses quäkenden Klangkastens und überlässt Helena eines zum Freundschaftspreis. Pudel-Gang-Member Viktor Marek leiht ihr

dazu seinen MPC-Sampler, ein weiterer Freund braucht dringend Geld für einen Indien-Trip und hinterlässt Helena für ein paar Scheine einen Roland Juno-60-Synthie – noch so ein unkaputtbarer Klassiker unter Liebhabern analoger Gerätschaften aus den Achtzigern. Als sich die angehende Produzentin schließlich noch die weltbekannte 808-Drum-Machine von den Rippen spart, sind die Geräte-Essentials beisammen und ihr Zimmer hat sich in einen Alptraum aus Kabeln verwandelt.

Ein Zustand, den Helena jeder möglichen Arbeit im Studio vorzieht. Womit wir beim sogenannten Arbeiten wären. »Ich bin halt faul«, meint Helena. »Ich will zuhause sein. Wenn ich wirklich Lust habe, Musik zu machen, dann mache ich das auch. Aber wenn ich die Entscheidung treffen müsste, in ein Studio zu gehen, dann würde ich quasi ins Büro gehen. Und ich will nicht, dass es sich wie Arbeit anfühlt.« Klar, wer will das schon?

Natürlich kommt auch Helena Hauff nicht ohne bitteren Nebengeschmack durch ihren Alltag. Emails sind Arbeit. Organisation ist Arbeit. Deadlines können sich zumindest wie Arbeit anfühlen. Und auch das Packen der Plattentasche, gewissermaßen die Bedingung ihrer großen Leidenschaft, des nächtlichen Au egens, hat Helena schon den einen oder anderen Nerv zu abendlicher Stunde gekostet.

Dabei möchte man fast meinen, dass Helena eh einfach ihre liebsten Scheiben in die Tasche haut. Denn wer Helena mal hat Auflegen sehen, weiß, dass Kompromisse nicht so ihr Ding sind. Auch der eine oder andere Veranstalter hat das bereits feststellen dürfen. Helena erinnert sich etwa an eine Clubnacht, die sie mit ihrem Set eröffnen sollte. Nur ein paar Tracks habe es gebraucht, um den Organisator des Abends neben sich stehen zu haben. Seine Worte: »Du kannst auch ruhig etwas tanzbarer spielen.« Helenas Reaktion: »Wenn ich jetzt anfange, tanzbarer zu spielen, dann wird’s richtig hart. Ich weiß nicht, ob du das willst – um Mitternacht!« Auch an einen illegalen Rave in einem Hamburger Wald erinnert sie sich. »Die haben schon nach fünf Minuten gefragt, ob ich etwas sanfter spielen könne. Und ich so: ›Ne, kann ich nicht.‹ Und dann kam nach zehn Minuten auch der nächste DJ, der mich ablösen durfte.«

»Das war aber auch ganz am Anfang meiner ›Karriere‹«, erzählt Helena und zeichnet mit ihren Fingern ein paar Anführungsstriche in die Luft. Ob sie in diesem Moment Bescheidenheit zeigt oder aber einfach nicht so recht realisieren will, dass sie momentan ihre Leidenschaft in bare Münze umwandelt, ist nicht ganz eindeutig. Vielleicht klingt Karriere auch einfach wieder nach Arbeit. Die Entwicklung von Helena Hauffs künstlerischer Laufbahn scheint jedenfalls – abseits ihres eigensinnigen Schaffens – aus einer gesunden Mischung eines guten Umfelds und glücklicher Fügung zu bestehen. Exemplarisch möchte man die Entstehung von Helenas erster Veröffentlichung heranziehen. Als einer ihrer Freunde – ihr späterer musikalischer Partner F#X – einen Abend in der Kiez-Institution Prinzenbar organisiert, ist neben Helena auch ein gewisser Darren Cunningham aus Wolverhampton geladen. Der Brite, der als Actress die Ästhetik des Loops weiter auslotet und Lieblingsplatten von Musikredakteuren und Menschen mit Hang zum großen Geknister produziert, zeigt sich von Helenas Set an diesem Abend scheinbar be- eindruckt. Da musste sie nur ein knappes Jahr warten und schon flatterte die Anfrage rein, ob Helena nicht bei der Releaseparty von Actress’ neuem Album in London spielen wolle. Helena so: »O.K.«.

Kurze Zeit später fliegt Helena auch nach Paris, um auf einer Label-Party von Actress’ Imprint Werk Discs zu spielen. Actress fragt Helena nach Tracks und bald darauf hält die Hamburgerin mit der EP »Actio Reactio« ihre erste Visitenkarte aus Polyvinyl- chlorid in der Hand. Spätestens an diesem Punkt war wohl klar, dass es für Helena Reizvolleres gab, als ein Studium der Physik und Systematischen Musikwissenschaft. An der Uni waren eh komische Menschen. Zum Beispiel »Muttersöhnchen, die wahnsinnig viel gelernt haben und ’ne Eins hatten – super.« Oder »Leute, die kaum gelernt haben und trotzdem 15 Punkte hatten. Da habe ich gemerkt, dass ich zu blöd und zu faul bin, um in der Wissenschaft zu bleiben.« Also lieber weiter Platten releasen, etwa mit ihrem Kollegen F#X als Black Sites auf dem vorwärtsdenkenden Elektronik-Label PAN. Und jüngst eben zum ersten Mal im Langspielformat bei Actress’ Werk Discs.

»Am Anfang hatte ich eigentlich keinen Album-Plan,« erzählt Helena über die Entstehung von »Discreet Desires«. Stattdessen hatte sie ein Foto aus einer Zeit, zu der Helena wohl noch dachte, mit den Bildern ihr kreatives Tool gefunden zu haben. Vor einiger Zeit folgte dann ein Track, der irgendwie zu dem Motiv passte. Und dann noch zwei, drei weitere in dem Stil. Als sie das Triplet an Actress schickt, meint der: »Ah ja, cool, du arbeitest an ’nem Album«. In dem Moment sei es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen. Und siehe da: »Discreet Desires« findet seinen Zusammenhalt in der Tat auf ganz andere Weise, als Helenas bisherige Projekte.

Die Ahnen des Albums lassen sich noch immer im Drum- Machine-getriebenen, dystopischen Chicago der Neunziger ausmachen, schließen mittlerweile aber ab und zu krautige Synth- Fahrten mit ein. Ein Mehr an Melodie ist damit in ihre Stücke eingezogen. Und wo diese ehemals gerne über acht Minuten ihre Form fanden, hat Helena ihre Jams nun auf Album-gerechtere Kleinteiler eingestaucht. Außerdem scheint sie eine kleine Wolke grobkörnigen Staub aus den Geräten gepustet zu haben. Eben so viel, wie möglich, um noch immer reichlich rough und hart zu bleiben. »Richtig groß« klingt das noch immer nicht, wie Helena in Bezug auf die Größe von Clubräumen so schön feststellt. Sie arbeite – oder besser: werkle – eben gerne »auf einer kleineren Ebene«. Alles andere wäre ja auch zu schön, um wahr zu sein.

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Felix Stephan, DIE WELT






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