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Casper – »Born To Run«

Text: Sascha Ehlert, Fotos: Olaf Heine, Coverillustration: Hendrik Otremba
Bestellen: Das Wetter#1

 

Man stelle sich vor die Bands Oasis, Slime, Rancid, Editors und The Avett Brothers würden mit Bob Dylan und Bruce Springsteen in einer unheimlichen Bar irgendwo an einem Highway ins Nirgendwo sitzen. Sie unterhalten sich. Plötzlich bemerken sie, dass sie heimlich alle mal davon geträumt haben ein HipHop-Album aufzunehmen. Einige Stunden später ist jene Bar, die ohnehin von Anfang an nichts als eine Illusion war, auf ewig verschwunden. Alles, was von ihr bleibt ist eine Platte. Sie heißt »Hinterland«.

Was von Außen betrachtet wirkt wie eine äußerst komfortable Ausgangsposition, muss für Casper in Wahrheit wahnsinnig stressig gewesen sein. Ein knappes Jahrzehnt, nachdem er sein Elternhaus verlassen hatte, um in Bielefeld in einer ärmlich spartanisch WG zu hausen, war er doch noch zum Star geworden. Nicht zu einem, den sich die Klatschpresse zu Nutze machen konnte, dafür aber zu einem, dessen Musik viele Menschen schätzen, manche gar lieben. »XOXO« mag keine ganze Generation geprägt haben, dazu polarisieren Caspers Musik und Stimme zu stark, dennoch wird dieses Album noch über Jahre hinweg Menschen etwas bedeuten. Leider können Fans manchmal erstaunlich undankbar sein, wenn ihr lieb gewonnener Held ihre Erwartungen unterwandert. Dennoch kam musikalischer Stillstand nicht in Frage, als es Zeit wurde auf die Suche nach einem Nachfolger zu »XOXO« zu gehen. Anstatt auf Nummer sicher zu gehen entschied sich Casper für einen Neuanfang. »Ich stehe ja wirklich auf extrem epische und erhabene Momente. Ich schätze das erklärt auch meine Liebe zu Bands wie den Editors, Get Well Soon und auch Coldplay. Gleichzeitig ist mir dieser Pathos im Nachhinein an ‚XOXO‘ etwas sauer aufgestoßen. Wir haben bei der Produktion so lapidar mit diesen Momenten gearbeitet, dass die Platte am Ende häufig drohte an ihm zu ersticken«, erklärt während unseres Gespräches im Innenhof des Büros seines Managments Beat The Rich.

 

Aufbruch ins Ungewisse

»Hinterland« beginnt dennoch mit ähnlich viel Grandeur. Man hört Schritte auf einem feuchten, sumpfigen Boden, dann eine sakral leiernde Orgel, die an Coldplays »Fix You« erinnert – jenen Song, der in den letzten Jahren stets in den Momenten vor Caspers Konzerten aus den Lautsprechern tönte. Eine halbe Minute später setzt eine Piano-Melodie ein, wenig später mächtige Drums. Erst nach knappen sechzig Sekunden explodiert das Instrumental und flirrende Gitarren, Xylophone und Bläser setzen ein. Schon bevor die Stimmen eines Chor, sowie die von Casper selbst, zu hören sind, wirkt der Song monumentaler als alles, an dem dieser bisher gearbeitet hat. »Im Ascheregen« ist alles andere als ein behutsamer Einstieg in eine Platte. Der Ich-Erzähler des Songs macht sich »Auf und Davon«. Er möchte nie wieder zurück zu kommen. Er verlässt seine Stadt und lässt dabei alles und jeden, seine ganze Vergangenheit, hinter sich. Dies tut er nicht still und heimlich. Nein, der Erzähler lässt seine alte Heimat gleich im Feuer vergehen. Casper erzählt diese Geschichte mit den Mitteln, die man mit »XOXO« kennen und schätzen gelernt hat. Er nutzt eine bildhafte Sprache, die keine Angst vor großen Gefühlen hat und zahlt damit vielleicht Bruce Springsteen, einem seiner vielen Idole, Respekt. In der Hook hingegen zitiert er aus einem Song aus seiner Punk-Jugend. Dem indizierten »Bullenschweine« der legendär-berüchtigten Slime leiht sich Casper die Phrase »Ein Drittel Heizöl, Zwei Drittel Benzin«. Er reißt sie aus dem Kampf gegen die Staatsgewalt hinaus und überträgt ihn ins Private. Hier ist die Revolte kein öffentlicher Kampf, sondern eine private Flucht in die Ungewissheit. Zudem fungiert »Im Ascheregen«, der nicht nur Intro, sondern auch die erste Single des Albums ist, auch als Marketing-Finte. Nach diesem Song mag der eine oder andere eine großspurige Stadion-Rap-Platte erwarten. Diese Menschen werden in einigen Wochen herbe enttäuscht werden.

 

»Ich glaube, dass eine Platte seine Hörer sofort in eine neue Welt hineinziehen muss, deswegen dieses Intro. Ich habe mir vorgestellt, dass ein Hörer mit dem Auto über eine Landstraße fährt und dann zum ersten Mal das Album einlegt. Ich möchte, dass dieser Moment so erhaben wie möglich wird. Insgesamt war die Zielsetzung für ‚Hinterland‘ dennoch eine andere. Ich wollte eine Platte aufnehmen, die wesentlich herunter gestrippter und organischer klingt – ein wenig so wie die Platten der Shins.« Wieder eine Referenz. Casper ist einer, der in mindestens jeder zweiten Antwort seine musikalischen Quellen nennt, um Zielsetzungen, Sounds und Inspirationen zu beschreiben. Man könnte sagen er arbeitet so, wie die meisten Musikjournalisten schreiben. Er verfügt nicht über das technische Knowhow, er ist ja kein ausgebildeter Musiker und spielt keine Instrumente, aber er weiß sehr genau, wie seine Songs zu klingen haben. Mit der Musik der Shins teilt »Hinterland« vor allem eine musikalische Offenheit, die sich nicht Genres, sondern nur der Suche nach perfekten, runden Songs verpflichtet fühlt.

Seine, wie Casper sagt, »Recherchen« (»in Anführungszeichen«) für »Hinterland« begannen allerdings an einem ganz anderen Punkt der Popgeschichte, in weit unerwarteteren Gefilden. »Ich habe eine Zeit lange sehr häufig die ‚Murder Ballads‘ von Nick Cave gehört. Mich hat das total beeindruckt, wie er auf der Platte verschiedene Subebenen, die aus Fabeln und Alltagserzählungen bestehen, mit einander verknüpft, um eine Geschichte zu erzählen, die die ganze Zeit über irgendwie bedrohlich wirkt. Davon erzählte ich einem Freund, der sich sehr gut mit Musik auskennt. Der wiederum verwies mich auf Robert Johnson, den Blues-Musiker. Über ihn wird erzählt, er habe seine Seele an einer Kreuzung an den Teufel verkauft, um der beste Blues-Musiker der Welt zu werden. Und dann war da noch Tom Waits

Den Einfluss jener Ikonen auf Caspers Songwriting spürt man vor allem auf »La Rue Morgue«, der im Titel auf eine Kriminal-Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe Bezug nimmt. In dem Song mimt Casper einen Erzähler, den man so von ihm noch nicht kannte. Vieles bleibt im Ungefähren. Fest steht, dass im Text ein Mann in Schwarz auftaucht und, dass das Gruseltheater in einer schäbigen Bar zu spielen scheint. Jugend, Leben, Tod und Drogen könnten eine Rolle spielen. Nicht zum ersten mal klimpert ein Piano-Beat. Dieser kommt mit wenigen Tönen aus und transportiert Americana-Vibes. Caspers Vortrag erinnert mehr an den Sprech-Singsang des späten Tom Waits, denn an klassische Rap-Muster. Der Song ist großartig. Mit ihm bewegt sich Casper heraus aus seiner Komfort-Zone und entfernt sich noch ein Stück weiter von den Charakteristika konventioneller Rap-Songs und auch von dem, auf den ersten Blick identifizierbaren, persönlichen Bezug seiner Texte. Casper und Benjamin verschwinden hinter der erzählten Geschichte.

»Ursprünglich wollte ich, dass die ganze Platte so klingt. Irgendwann merkte ich aber, dass ich insbesondere Songs liebe, in denen man einen starken, direkten Bezug zum Künstler erkennt. Die Leute lieben ja komischerweise ‚Halbe Mille‘ sehr, dabei ist der Song total unpersönlich. So etwas schreibt sich vergleichsweise schnell und einfach. Aber am Ende reicht mir das nicht. Viele meiner Songs bedeuten mir persönlich unglaublich viel, darauf möchte ich nicht verzichten.« Vermutlich war es genau dieser Fakt, der es bereits ermöglichte, dass sich so viele Menschen in »XOXO« verlieben konnten. Bei Casper ging es immer mehr um mögen oder nicht. Entweder rissen einen die melancholischen Jugenderinnerungen und die dringliche Aufbruchstimmung mit oder sie ließen einen völlig kalt.

 

Dies wird bei »Hinterland« nicht anders sein. Dabei wirkt das Album auf den ersten Blick wie das Zeugnis einer sehr persönlichen Suche. Nachdem er seine alte Heimat niedergebrannt hat, geht der Erzähler dort hin, »wo Gedanken im Winde verwehen und die Zeit scheinbar nie vergeht«. Der Ort heißt »Hinterland« und er wird vom Erzähler scheinbar gleichermaßen geliebt wie gehasst. Hier spielt die Geschichte, die dieses Album erzählt, wenn man so will. Ob Hinterland einen Nimmerland-ähnlichen Fantasieort meint oder etwas anderes, das wird jeder für sich selbst entscheiden müssen, Spielraum für Spekulationen bietet die Platte genug. Und Casper wird sich hüten diesen einzuengen, egal wie häufig man ihm im Netz danach fragt, Dieses oder Jenes zu erklären. »Das ist ehrlich gesagt ein HipHop-Phänomen, glaube ich. Die Rap-Kids sind es gewohnt, dass ein Rapper sein Gesicht auf das Cover packt, sich eine Krone aufsetzt und sein Album ‚Der König ist zurück‘ nennt. Das versteht man ja sofort. Natürlich hat das Artwork der Platte etwas mit der Musik zu tun, ich habe mir dabei etwas gedacht. Aber ich möchte das nicht erklären, dazu mag ich es selbst zu sehr, wenn einem ein Album die Chance gibt, nach einem eigenen Ansatz zu suchen. Wenn einer meiner Songs für zehn Leute zehn unterschiedliche Bedeutungen hat – umso besser.«

 

Wege ins Hinterland

Hört man »Hinterland« erschließen sich zunächst drei Ansätze, über die man sich dem Album nähern kann. Da ist zum einen die Erzählung vom Protagonisten auf der Suche nach einer neuen Heimat, die mit dem letzten Song »Endlich angekommen« endet. Zweitens kann man in der »Hinterland«-Erzählung auch Erinnerungen des Menschen Benjamin Griffey entdecken. Da ist die Flucht aus dem alten Zuhause (Bösingfeld?), auf die die Verbrüderung mit anderen, verlorenen Jungs folgt. Und dann sind da die Songs, die von der Liebe und ihrem Scheitern erzählen. »…nach der Demo ging’s bergab!« stellt eine unbequeme Frage: »Was hat uns bloß so ruiniert?« Diese Frage scheint Casper auch auf »Lux Lisbon« zu verfolgen (»Könnte doch jede kriegen, bin doch so berühmt. Gott, ich vermiss dein Parfum«), auf dem Tom Smith von den Editors einen schwermütigen Grabgesang anstimmt, bevor Casper auf seine verdrogten oder toten, musikalischen Helden blickt und sich fragt: »Ich trink schon wieder allein, zu was macht mich das?«

Die Songs im Zentrum von »Hinterland« offenbaren tiefe Abgründe. Dennoch schließt die Platte, im Gegensatz zu »XOXO«, sehr zuversichtlich. »Jambalaya«, auf der Presse-Vorab-Version der letzte Song, ist nicht nur nach einem kreolischen, Paella-ähnlichen Gericht benannt, sondern fungiert auch als Rekapitulation von Caspers Südstaaten-Kindheit, sowie als Standortbestimmung in der deutschen Rap-Szene. Musikalisch bezieht sich der Song explizit auf seine US-Sozialisation. »Wir haben dafür eine komplette Drumline, wie sie in amerikanischen Highschool- und College-Marching Bands vor kommt, aufgenommen. Orientiert haben wir uns vor allem an ‚Who Dat‘ von J. Cole, aber auch an New Orleans-Bounce-Kram, zum Beispiel ‚Dey Know‘ von Shawty Lo und ‚Talk It Like I Bring It‘ von Fiend. Diese Songs klangen uns allerdings noch zu klassisch, zu rappig. Wir wollten mehr! An ‚Jambalaya‘ hat Markus auf jeden Fall die eine oder andere Nacht verloren.«

 

Womit wir bei der dritten Ebene wären: Der Musik. Spricht Casper von Markus, meint er Markus Ganther. Der versierte Remixer und Sizarr-Produzent ist einer der Köpfe hinter der Musik von »Hinterland«. »Markus war der Richtige, weil er noch stärker als ich ein wandelndes Musik-Lexikon ist. Wenn ich ihm zum Beispiel erzähle, dass ich mittlerweile auch so jemanden wie Flying Lotus enorm feiere, dann zeigt er mir erst mal sechzig ähnliche Typen, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Gleichzeitig kennt er sich total mit Prog-Rock und solchen Dingen aus. Wir haben uns musikalisch sofort verstanden. Problematisch war nur, dass wir beide eher unorganisiert arbeiten und uns mit unserem Talent sehr unsicher fühlen.

Zum Glück gab es da ja noch Konstantin Gropper. Mit Get Well Soon hat dieser bereits mehrfach und mit jeweils beeindruckenderen Ergebnissen gezeigt, dass er sich hervorragend auf das Arrangieren großer, breiter Soundwelten versteht. Mit der Casper-Platte hatten Ganther und er sich die schwere Aufgabe auf die Schultern geladen große Ideen und viele eingespielte Instrumente so zu arrangieren, dass sie von vielen Menschen verstanden werden und zugleich einen Künstler zufrieden stellen, der zwischen Mainstream-Rock und Seapunk am Liebsten die gesamte Musik der Welt auf einer Platte vereinen würde. »Es ist eine riesige Zitat-Werferei geworden«, sagt Casper. Ich liebe ja extrem amerikanische Künstler wie zum Beispiel Bruce Springsteen und Tom Petty. Gleichzeitig wollte ich aber auch, dass die Platte meine Vorliebe für Mod und Britpop widerspiegelt. Ein bisschen The Smiths, ein paar The Jam-Ansätze und den Versuch an eine gewisse Oasis-Größe heran zu reichen kann man aus ‚Hinterland‘ glaube ich auch heraus hören. Das hoffe ich jedenfalls.«

Tatsächlich kann man diese Einflüsse in kleinen Sounds und inhaltlichen Anspielungen an allen Ecken und Enden erkennen. Ob Casper nun den Oasis-Song »Champagne Supernova« erwähnt oder in der Tiefe eines Songs ein paar Oh-Ohs zu hören sind, die an die Gallaghers erinnern. Bei Zeilen wie »La-Lass dich fallen und nimm es einfach hin, la-lass dich fallen, wehr dich nicht mein Kind« kann man an Tom Waits denken oder sich bei dem Song »20 qm« an Father John Misty erinnert fühlen. Wer Musik so sehr liebt wie Casper, der wird an allen Ecken und Enden kleine Elemente entdecken, die einen an oft gehörte Platten erinnern. Im besten Fall bringt eines dieser Zitate, zum Beispiel Caspers Versuch Bob Dylans Tick Vokale besonders lang zu ziehen, dazu einen Künstler neu für sich zu entdecken. »Als ich den Song ‚Alles endet (aber nie die Musik)‘ geschrieben habe hörte ich gerade sehr viel ‚American Girl‘ von Tom Petty & The Heartbreakers und ‚Stuck Inside Mobile with the Memphis Blues again‘ von Bob Dylan.« Große Referenzen, mit denen Casper da um sich wirft. »Ich möchte nicht angeberisch klingen, aber ich bin sehr stolz auf diese neuen Songs. Ich glaube wirklich, dass ich als Songwriter noch mal einen Schritt nach Vorne gemacht habe. Bei ‚XOXO‘ bin ich noch sehr hart über die Musik herüber gebrettert. Als ich die Texte für ‚Hinterland‘ schrieb, achtete ich sehr darauf melodisch besser auf die Musik einzugehen. Glücklich macht mich vor allem, dass ich es geschafft habe Songs zu schreiben, die durch die Musik bedingt erst mal positiv bis euphorisch klingen, obwohl in den Texten teilweise richtig üble Dinge passieren.

 

Als ich die Texte für ‚Hinterland‘ geschrieben habe, habe ich sehr darauf geachtet melodisch auf die Musik einzugehen. Trotzdem glaube ich, dass ich im Gegensatz zu der letzten Platte auch Rap-technisch wieder eine Schippe zulegen konnte. Glücklich macht mich aber vor allem, dass ich es geschafft habe Songs zu schreiben, die durch die Melodie und die Musik vordergründig positiv bis euphorisch klingen, obwohl in den Texten richtig üble Dinge passieren.. ‚Alles Endet‘ beinhaltet ja sehr düstere Bilder, zum Beispiel koksende Dorf-Weiber, die auf Toilette Blowjobs verteilen. Aber weil die Melodie so schön klingt, merken das die meisten im Moment vermutlich gar nicht. Dieses Stilmittel, mit dem vor allem Rancid und Jamie T sehr gut umgehen, mag ich sehr gerne.«

 

Heimatgefühle?

Erzählt werden diese Geschichten in erster Linie zu Musik, die sich neben Bob Dylan auch von jüngeren Folkies, namentlich Bands wie die Avett Brothers, die Bright Eyes und die Fleet Foxes, beeinflusst zeigt. Trotz der ebenfalls omnipräsenten Bläser, die deutlich die Handschrift Konstantin Groppers tragen, spürt man eine gewisse Americana-Kante auf dem kompletten Album. Das überrascht, schließlich erscheint Casper einem eigentlich gar nicht wie jemand, der sich mit klassischen Folk-Werten wie Natürlichkeit, Tradition und Heimatgefühlen sonderlich stark identifizieren kann. »Das stimmt«, gibt Casper zu. »Ich selbst fühle mich überhaupt nirgends komplett zuhause. Meine Heimat ist am Ehesten eine krude Mischung aus mehreren Orten. Da ist Augusta, Georgia – die Stadt, in der wir lebten, bevor meine Mutter mit uns zurück nach Deutschland ging. Bösingfeld im Extertal spielt auch eine gewisse Rolle, schließlich bin ich dort aufgewachsen. Bielefeld ist mir wichtig, weil ich dort erwachsen wurde. Berlin spielt da vielleicht noch ein klein wenig mit rein und der Rest besteht aus der Sehnsucht nach einem neuen Ort, an dem ich gerne leben würde.«

Könnte »Hinterland« möglicherweise also auch von der Suche nach einem Ort handeln, an dem Casper, an dem Benjamin Griffey sich endlich angekommen fühlen kann? Er grübelt einen Moment lang und antwortet dann: »Ich weiß nicht. Ich schätze dafür bin ich noch immer zu rastlos. Viele meiner Freunde werden ja ruhiger und ruhiger, gehen nicht mehr am Wochenende raus, sondern lesen gemütlich ein Buch. Ich kann das nicht. Ich nehme mir oft vor, einfach mal auf dem Sofa sitzen zu bleiben. Am Ende gehe ich dann doch wieder raus. Ich halte es nicht aus zu lange stillzusitzen. Ich schätze ich liebe das Leben auf Tour auch so sehr, weil das meiner Neigung zu Rast- und Verantwortungslosigkeit zu Gute kommt.« Allerdings würde er genau so gerne Deutschland für eine Weile in Richtung Amerika verlassen. Casper erzählt davon wie es wäre, einfach mal ein halbes Jahr lang im Haus seines Vaters in Gulfport, einer kleinen Stadt am Meer im Bundesstaat Mississippi, zu wohnen oder ein billiges Haus im Randgebiet von Los Angeles anzumieten, dort zu leben und neue Musik nur noch per Internet nach Deutschland zu schicken. Selbstverständlich liegen solche Träume schon allein aus beruflichen Gründen zur Zeit noch in weiter Ferne.

Es könnte jene Sehnsucht nach der Ferne sein, die Casper und den Folk zusammen bringt, vielleicht sind es aber auch, durch den Musikgeschmack seines Vaters bedingte, unterbewusste Heimatgefühle, die ihn beim Hören dieser sehr amerikanischen Musik ereilen. Wer weiß. Er kann das selbst nicht so genau erklären. Fest steht hingegen, dass »Hinterland« auf einer vierten, nicht unwichtigen Rezeptions-Ebene auch ein Album über die Liebe zur Musik ist. Das Casper Musik liebt merkt man ihm in Interviews an, aber auch in den »Hinterland«-Texten kommt das Thema mehrfach zur Sprache. Besonders bemerkenswert ist eine Aussage, die er auf »Ariel«, einem Song benannt nach einem mythischen Engel, der in der Bibel, genau so wie im epischen Gedicht »Paradise Lost« auftaucht, trifft. Casper sagt dort: »Trotzdem glaub ich fest, dass ein Text noch immer Leben retten kann.« Im Interview darauf angesprochen erzählt er aus der Zeit nach dem Auszug aus seinem Elternhaus: »Als ich nach Bielefeld gezogen bin, besaß ich nicht viel mehr als eine Matratze, einen Fernseher und einen Wasserkocher, der unten rum so disgusting abgekalkt hat.

Damals dachte ich ernsthaft, ich könnte von 100 Euro im Monat leben – das war natürlich ein Irrglaube. Mir ging es so scheiße, dass ich mehrere Jobs annahm, um über die Runden zu kommen. Einer davon war in einem Plattenladen. Dort entdeckte ich ein Album namens »Background Music« von American Nightmare. Und so kitschig das klingt: Diese Platte hat mir damals das Leben gerettet. Es gibt im Leben Momente, in denen verliert man jeden halt und glaubt an gar nichts mehr.  Nur die Songs, die du liebst, die begleiten dich weiter. Ich weiß, dass ich mir damit auch meinen Job schön rede, aber ich glaube wirklich, dass ein Song leben retten kann.«

 

Es ist gut möglich, dass auch »Hinterland« eine jener Platten ist, die Menschen in schwierigen Phasen helfen kann. Die nötigen Qualitäten besitzt sie allemal. Das Album verbindet erneut eine persönliche Themenwahl mit allgemeingültigen Aussagen, in denen sich viele Menschen wiederfinden können. Glücklicherweise funktioniert »Hinterland« jedoch nicht nur auf einer romantischen, emotionalen, sondern auch auf einer rein qualitativen Ebene ausgezeichnet. Man könnte sagen, Casper habe sich mit dieser Platte seine eigene, kleine Parallelwelt à la »Beasts of the Southern Wild« geschaffen. Sie ist nah dran an der echten Welt, doch kleine, fantastische Elemente entkoppeln sie doch genug von der Realität, um lange zu fesseln.

Casper ist zum zweiten Mal in Folge das erstaunliche Kunststück gelungen, eine Platte aufzunehmen, die sich auf neues Terrain wagt, nicht nur Vergangenes wiederholt und dennoch das Potential besitzt sehr viele Menschen zu erreichen. Auch wenn Casper selbst das vermutlich bestreiten würde: Er hat einen sehr großen Einfluss auf den Musikgeschmack seiner Hörerschaft. Weil er in vielen seiner Songs mit Musik-historischen Zitaten spielt und zudem, in den sozialen Netzwerken, wie auch in Interviews, ständig euphorisch von seinen Lieblingsalben zwischen Südstaaten-Gangsta Rap und Mädchen-Pop spricht, prägt er auch den Musikgeschmack seiner Fans.

Vermutlich haben viele von ihnen noch nie von Bands wie Rancid oder Songwritern wie Tom Waits gehört. Doch weil Casper, so nahbar wie er ist, seine Vorlieben mit seinen Hörern teilt, lernen sie sie kennen und damit, so absurd das klingt, erfüllt er im Vorbeigehen auch eine Lehrer-Funktion. Gut möglich, dass diese Fans von heute in ein paar Jahrzehnten auf ihre Jugend zurück blicken und erkennen, dass sie diesem Casper etwas Bleibendes zu verdanken haben. Damit hätte er sich dann tatsächlich ein klein wenig unsterblich gemacht. Auch wenn man merkt, dass ihm das etwas peinlich ist, gefällt ihm dieser Gedanke: »Ich finde es romantisch zu glauben, dass dein Schaffen dich unsterblich machen kann. Ich finde es gut zu wissen, dass es da etwas gibt, was mich überdauern wird. So lange es Menschen gibt, wird man Musik weiter überliefern. Vielleicht gibt es ‚XOXO‘ oder ‚Hinterland‘ ja wirklich in 800 Jahren noch. Mir gefällt dieser Gedanke sehr.« Bis es soweit kommen kann wird jedoch noch einige Zeit ins Land gehen. Das ist etwas Gutes.

 

 

 

 

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Felix Stephan, DIE WELT






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