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Bonaparte- Gespräch mit einem Reisenden

Text: Julia Knörnschild, Fotos: Tim Bruening

Bestellen: Wetter Ausgabe #3

Bonaparte ist zurück. Am 30. Mai erscheint sein viertes Album, es heißt »Bonaparte«. Eigentlich heißt er Tobias Jundt und sagt selbst, dass diese beiden Namen im Grunde untrennbar miteinander verbunden sind. Seine letzten drei Alben bezeichnet er als Trilogie. Mit »Bonaparte« fängt er sozusagen wieder bei Null an: »In dieser Kunst ist ja alles möglich.«

 

Der Fotograf Tim Bruening und ich treffen uns im Direktorenhaus Berlin, ein Ort für Objekte zwischen Design und Kunst. Hier befindet sich Bonapartes Studio und hier findet heute auch der Pressetag für »Bonaparte« statt. Tim und ich betreten das Studio und stehen sogleich vor Tobias Jundt. Der ist klein, blondiert und in zurückhaltende Braun- und Grautöne gekleidet. Eigentlich hätte ich ihn mir knalliger vorgestellt, mit bunten Farben und viel Zirkus. Aber Jundt ist hat viele Gesichter und ist daher immer für eine Überraschung gut. Seine Stimme klingt fast kindlich und erinnert mich an die eines Protagonisten aus einem Hörspiel, das ich als Kind oft gehört habe. An den Namen kann ich mich nicht erinnern, aber es ist eine Märchenfigur, irgendwo zwischen Kind und Erwachsenem, nicht klar fassbar. Genauso wie Tobias Jundt selbst. Seine übersprudelnde Art ist so sympathisch, dass man sich ihr kaum entziehen kann. Stolz zeigt er uns sein Studio, seine zusammen gesammelten Musikinstrumente und viele andere Schätze, die er in den vergangenen Jahren gefunden hat. Für die Fotos schlägt er vor, uns zu seinem alten Ford zu begeben. Der begleitet ihn schon seit vielen Jahren und ist so zu einem wichtigen Teil seines Lebens geworden. Das Auto passt zu Tobias, denn er ist Reisender. Nicht nur physisch, sondern auch in seinen Gedanken, die oft wie ein Gummiball von einem Punkt zum nächsten springen.

B          onaparte

Eine Frage, die du sicherlich nicht das erste Mal gestellt bekommst: Trägst du noch deine Maske?

B          Cro hat seine Million gemacht, da muss ich meine Maske nicht mehr tragen.

Man hat lange nichts von dir gehört, was hast du in der Zwischenzeit gemacht?

B         Na ja, das ist ja immer eine Frage der Perspektive, weil aus meiner Sicht bin ich seit 29 Jahren unaufhörlich am Songs schreiben. Ich bin nie weg. Vielleicht gibt es eine kurze Zeit, bei der ich mich nicht erinnere, was ich getan habe. Um das zu schaffen, was ich mache.

Was genau?

B         Seit ich sechs Jahre alt bin, schreibe ich bewusst Songs. Aber damals hat das noch keiner ernst genommen. Man ist stets auf dieser Reise und streckenweise sind Teile dieser Reise sehr introvertiert, also nicht nach außen gerichtet. Dann wiederum gibt es Abschnitte, da reist die Welt mit; und über die Strecke der Reise, die Bonaparte heißt, bei der ein paar Leute mitgereist sind, dachte ich irgendwann, »Okay, schön, dass ihr die ganze Zeit mitgekommen seid, ihr könnt jetzt meinen Kahn haben, weil ihr das schon alle draufhabt. Aber ich springe hier ab und mache einen kleinen Umweg.«

Umwege können einem ungeahnte Möglichkeiten eröffnen. Wohin hat dich dein Umweg geführt?

B         Ich habe diese Platte geschrieben und direkt danach waren wir in China unterwegs. Aber in der Schreibphase ist es gar nicht so wichtig wo ich bin, sondern das Unterwegssein an sich. Es geht darum, Geschichten aufzusaugen und zu erleben. Die Mischung macht es so interessant. Man sollte nicht immer auf die Leute hören, die diese Reise mitmachen. Die Leute, mit denen man arbeitet, oder das Publikum, es ist eigentlich alles egal. Am Ende tut man ja das, was man tut, sonst könnte man es zu Hause machen. Man will das Erlebte auch teilen.

Wie würdest du das, was du da tust, bezeichnen?

B         Ich nenne mich einen reaktionären Songwriter, ich schreibe extrem in dem Umfeld in dem ich bin, weil ich will, dass irgendwas zurückkommt. Entweder es endet mit Liebe, mit Protest oder Konsternation, aber das ist das Tolle an Songs. In dem Moment, in dem du schreibst, denkst du ja nicht an das Ende des Songs. Und ein paar dieser Songs gehen dann ihren Weg und wenn alle eine Vorstellung davon haben, was Bonaparte ist, dann ist es schwieriger, dieses Menschenkind zu sein, das da seine Songs schreibt.

Dein Weg hat dich auch nach New York geführt. Warum diese Stadt? Welche Faszination übt sie auf dich aus?

B         Ich hätte auch nach Neuseeland gehen können, oder in den Wald bei Berlin. Aber Amerika ist toll, wegen der Gegensätze. Es ist der perfekte Ort um eine Hassliebe zu entwickeln. Zum einen wurde dort viel erfunden, und gleichzeitig kann dieser Ort so abschreckend sein. Generell liebe ich es umherzureisen und Dinge und Gegenstände ausfindig zu machen. Besonders Instrumente.

Da hast du bestimmt die eine oder andere Kostbarkeit entdeckt. Konntest du auch in New York etwas entdecken?

B         Einen Moog-Synthesizer habe ich aus Austin, Texas. Dort war so ein Mann, von dem ich wusste, dass der die um bastelt. Der Moog ist eine kleine Tretmine aus den sechziger Jahren, die lustigerweise aus Kalamazoo stammt, wo auch ein Teil meiner Familie herkommt. Dieser Synthesizer war sehr wichtig für den Sound des Albums. Genau wie die Gitarre aus Kalamazoo, die heißt sogar Kalamazoo. Und ein Schlagzeug aus Philadelphia. Das ist das nächste Level. Das ist nicht mehr der gleiche Bonaparte und das war mir sehr wichtig. Durch den dritten Teil der Musik-Trilogie hat sich mir die Frage gestellt: Wie komme ich aus diesem Loop wieder raus? Es war ja nicht so, dass ich in einer Endlosschleife des Berghains stecken geblieben wäre. Gar nicht. Bonaparte ist nämlich nicht Berlin. Bonaparte ist das, was ich gerade in meine Pfanne werfe. Manchmal schreibe ich Sachen für mich und manchmal für andere. Diese Platte jetzt ist eine Platte für die Menschen. Mich würde aber am meisten interessieren, wie du die Platte findest. Hast du sie gehört?

Na klar, habe ich sie angehört. Aber jetzt geht es doch um dich.

B          Das interessiert doch aber die Leute, die Leute wollen wissen, was du denkst.

Okay, in dem Song »Me so selfie“ kritisierst du unseren Selbstdarstellungszwang. Warum erscheinst du trotzdem selbst auf dem Plattencover.

B         Naja, wir sind ja alle Opfer und Täter. Wäre ich kein Selbstdarsteller, würde ich wahrscheinlich das Gleiche tun, aber ich würde es niemandem zeigen. Es gibt keinen anderen Grund, man will ja diese Kommunikation. Entweder hat man dieses Gen oder man hat es nicht. Natürlich flucht man da auch immer drüber.

Aber was willst du uns mit dem Song letzten Endes sagen?

B         Ich muss nicht immer einen Zeigefinger heben und sagen, das ist gut oder schlecht. Es gibt nämlich gar kein Gut und Schlecht. Es gibt Grundelemente, aber wir wollen jetzt nicht über Religion sprechen. Es geht nur darum, dass man die richtigen Entscheidungen trifft und mehr über Dinge nachdenkt. Ich finde viele Sachen scheiße, die ich nicht mehr rückgängig machen kann.

Was denn zum Beispiel?

B         Das will ich jetzt nicht sagen. So viele Sachen. Sagen wir es so: Ein Teil der Kunst ist einfach dazu da, um an die Wand gehängt zu werden. Ein Teil vom Künstlerdasein ist es zu sehen, was gerade spannend ist.

Kommen wir zur ersten Single »Into the wild«. Ist der Titel an den gleichnamigen Film angelehnt?

B         Ich frage mich: Mensch, in welches Umfeld gehöre ich eigentlich? Wo ist die Natur? Warum ist sie mir so fern? Politik, da stimmt man ab. Macht das alles einen Unterschied? Am Ende des Tages sind wir doch alle nur Menschen. Wenn es Krieg gibt, weil wir so bescheuert sind, dann gibt’s einen. Das war dann wieder der Mensch. Eigentlich sollte das Lied ja in den Film rein, den ich gerade drehe, in dem muss Christian Ulmen meine Lieder singen. Die andere Rolle in dem Film darf Popsongs singen, da dachte ich »What the fuck, ich will auch Popsongs schreiben.« Ich denke in meinen Songs immer nur laut nach. Und wenn das bei dir was auslöst, ist das schön.

Bist du eigentlich ein Familienmensch?

B         Ja, total. Ich habe in der Band immer versucht eine Familie zu erhalten, aber das ist schwierig, weil so eine Band ja ein professionelles Konstrukt ist und das ist leider ein Widerspruch. Aber ja, Familie ist sehr wichtig. Mein Umfeld, der Kiez, Land, Menschen, Welt, Universum, blabla. Mitgeredet wird erst, wenn alles fertig ist. Musik, Fotografie – das bleibt alles in meiner Familie. Blutsfamilie. Das darf man auch mal sagen, der ganze Kern davon ist die Blutsfamilie. Und wenn das alles fertig ist, gebe ich es in den professionellen Rahmen. Die dürfen dann auch entscheiden, welcher Song die Single werden soll und damit kann ich leben.

In einem anderen Interview hast du gesagt, dass du nie genug Zeit hattest, dein Album aufzunehmen. Hast du dir die Zeit für dieses Album in New York genommen?

B         Nö! Wir haben das bereits vorhandene Material aufgenommen, aber der Prozess an sich hat zwei Jahre gedauert. Das ist wie bei »Too much«. Da bin ich ein Jahr mit meinem roten Fiat rumgefahren. Das war 2005, da habe ich sozusagen in dem Wagen gewohnt. Wir haben mehr Zeit damit verbracht, sehr scharfes Essen zu uns zu nehmen, als am Computer rumzuschrauben. Wir haben auch analog gemischt, sprich in dem Moment, wo du es auf dem Pult hast, musst du sagen, wie du es haben willst und dann auf zwei Spuren aufnehmen, damit es die Welt hören kann. Links und rechts, Stereo. Danke.

Was mich noch zum Album interessiert: Du erscheinst mir hier als warmer, freundlicher, familiärer, glücklicher und aufgeweckter Mensch…

B          Lass uns Freunde bleiben.

Gerne. Aber gleichzeitig kritisierst du sehr viel auf der Platte. Warum? (Er ist zum ersten Mal seit einer Stunde für längere Zeit still)

B         Das ist jetzt eine unglaublich tolle Frage. Komm, wir sagen alle anderen Interviews ab. Ich glaube man kann sagen, es ist in gewisser Weise eine Form von Angst. Du trittst mit jedem Song vor tausende Menschen und jeder Song macht dich nackt. Pharell ist einfach nur . Es gibt Millionen andere Künstler und ich habe nicht die ganze Aufmerksamkeit, das ist schon schade. (lacht)

Also musst du provozieren?

B         Nein, gar nicht. Ich kann ja einfach nur ein Fensterchen öffnen. Bonaparte ist ein Dampfablass-Fensterchen.

Was ist für dich wichtiger, Zeit oder Geld?

B         Natürlich Geld (lacht). Nein, natürlich Zeit. Aber das ist auch fast nicht trennbar, außer ich gehe »Into the Wild«. Man kann sich schon einen Lebensentwurf gestalten, bei dem Geld nicht die primäre Rolle spielt. »Too much« zum Beispiel. Damals hatte ich keine Verantwortung. Damals habe ich kein Geld gebraucht. Ich konnte einfach unbeschwert meine Kunst machen. Ein wunderschönes Gefühl. Aber wenn du Freitag nicht mehr wusstest, wie das Mädchen hieß, dass Donnerstag bei dir war… (wir lachen) Dann ist das auch ein Hamsterrad, aus dem es wieder auszubrechen gilt. Geld ist ein Schweinehund. Keines zu haben, ist dann toll, wenn du keines brauchst. Aber jetzt – vergiss es. Ohne Geld könnte ich nie im Leben eine Band, ein Studio oder meine Familie haben. Ich bin unglaublich abhängig von dem Arschloch Geld und es ist definitiv ein Arschloch. Gleichzeitig ist es aber auch toll, welches zu haben.

Tobias, du bist doch Schweizer. Was ist deine liebste Käsesorte?

B         Gruyère. Also kein Witz, immer wenn ich in die Schweiz gehe, nehme ich mir einen Koffer mit. Nur halb voll, und immer, wenn ich zurückkomme, ist der voll. Der Käse ist ja limitiert, ein Kilogramm pro Person. Das ist eigentlich der Hauptgrund, warum ich so eine große Band habe, damit ich mehr Käse schmuggeln kann.

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Felix Stephan, DIE WELT






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