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Bernd Höhne- Hört auf!

Text und Fotos: Sascha Ehlert
Bestellen: Das Wetter #1

Wie bescheuert das mit der Coolness doch eigentlich ist. Als junger Mensch, ganz besondere als Pop-Verrückter, verbringt man so viel Zeit damit ihr nachzurennen und vergisst dabei irgendwann, wie schön es ist eine Band, ein Buch, eine Jacke einfach nur für das zu schätzen, was sie ist. Anstatt dessen setzt man sich und seinen Geschmack ständig in Bezug zu dem, was andere, »coolere« Menschen schick, richtig und toll finden. Das es auch anders geht hat mir Bernd Höhne gezeigt.

 

Es ist ein Tag im Juni und ich bin in Berlin. Das Wetter ist gut, die Sonne scheint und ich bin spät dran, weil ich zu spät aus der Straßenbahn ausgestiegen bin. Ich habe mein ganzes Leben in Berlin verbracht doch hier, irgendwo im Niemandsland zwischen Lichtenberg, Hohenschönhausen und Marzahn war ich noch nie. »Dabei ist es doch eigentlich ganz schön hier«, denke ich, als ich endlich die Straße herunter laufe, die mich zu meinem Ziel führen wird. Ich wandere durch ein typisches Ostberliner Neubau-Quartier, ein gemütliches allerdings. Die Platten haben hier nur vier, fünf Stockwerke und sind umrahmt von Wiesen oder Hecken. Auf einigen der Balkons stehen ältliche Menschen, die mich, den Eindringling, den Reporter,   kritisch beäugen. Ich kann sie ja verstehen. Ich glaube nicht, dass ich so aussehe, als würde ich tatsächlich hierher passen. Trotzdem fühle ich mich nicht unwohl. Zum ersten Mal seit Langem spiele ich nicht bereits in meinem Kopf die Gesprächssituation durch, die mir kurz bevor steht. Ich bin seltsam gelassen. Die Hausnummer 18, endlich. Gleich bin ich da. Ich blicke nach vorne und sehe in einigen Metern Entfernung wieder einen kleinen Mann auf einem dieser eigentlich zu kleinen Balkons. Er winkt mir zu. Das muss Bernd sein! Ja, er ist es. »Na toll«, denke ich. Das mit der professionellen Distanz kann ich eigentlich direkt vergessen, wenn der da sich so offensichtlich freut mich zu sehen, obwohl wir bislang nur ein mal telefoniert haben. Ich grinse.

 

Von diesem Bernd, Höhne heißt er mit Nachnamen, hörte ich das erste Mal durch einen Freund. Der spielt in einer Band und kennt Bernd, weil der immer bei deren Auftritten in Berlin und Potsdam dabei ist. Tatsächlich hatte auch ich ihn zu diesem Zeitpunkt bereits zwei, drei mal bei Konzerten gesehen. Kein Wunder, denn dieser unscheinbare Mann fällt auf. Zumindest auf Konzerten, auf denen eigentlich nur Menschen zwischen 15 und 30 rum hüpfen. Denn Bernd ist älter. Man schätzt ihn, dank seiner grauen Haare, auf locker Sechzig. Tatsächlich hat Bernd sogar noch mehr Jahre auf dem Buckel, als man meint. Dank eines steten Lächelns auf seinen Lippen und der sympathischen Grübchen im Gesicht hat er trotzdem immer noch etwas irgendwie Kindliches an sich. Auf Konzerten sieht man ihn fast immer in einer der ersten Reihen und definitiv stets im richtigen Bandshirt. Die lässt er selbst bedrucken. Bernd Höhne ist ein so umtriebiger Herumtreiber, dass ihn in den richtigen Kreisen beinahe jeder kennt. So erklärte man mir: »Der Band, der hat eine spannende, aber auch traurige Lebensgeschichte. Der ist ein Spitzentyp. Du musst ihn kennen lernen!«

 

Nun stehe ich also im Eingangsbereich seiner Wohnung im ersten Stock dieses schmucklosen, aber blitzsauberen Wohnblocks. Meine dünne Sommerjacke hängt an der Garderobe aus typisch deutscher Buche und ich blicke in das kleinbürgerliche Wohnzimmer eines modernen Rentners. Auf dem großen Flachbildfernseher, der jetzt angeschaltet ist und es auch während unseres Interview bleibt, zeigt Viva die neuesten Videos der Pop-Chefetage. Hier das Relikt aus der alten Zeit der Popkultur, schräg gegenüber der Computer, seine Schaltzentrale, sein Arbeitsplatz, wie Bernd mir erklärt.

 

Wir nehmen auf der Couch Platz, auf dem kleinen Wohnzimmertisch liegen Kartei-Kärtchen bereit, die Bernd nun an sich nimmt. Wir sind übrigens direkt auf der Du-Ebene, wie selbstverständlich. Ich beglückwünsche Bernd zu seiner schönen Wohnung. Das sage ich nicht nur aus Höflichkeit. Der gemütlichen 2-Zimmer-Wohnung fehlt zwar jegliche Form von Altbau-Schick und Designer-Möbel oder ähnliches Geschmackvolles findet man hier natürlich nicht. Diese Wohnung ist nicht im klassischen Sinne stilvoll eingerichtet. Hier steht auch ein digitaler Bilderrahmen herum, auf dem eine Slideshow abläuft. In meinem Alter und in meiner Position kann man sich solche geschmacklichen Ausrutscher ja nicht leisten, dennoch wirkt diese Wohnung auf mich einfach wahnsinnig gemütlich. Sollte ich in 60 Jahren in so einer Wohnung leben, dann habe ich zumindest nicht alles falsch gemacht. Bernd jedenfalls erzählt mir, er habe mit dieser Wohnung tatsächlich großes Glück gehabt. Eigentlich gehöre diese seiner Tochter und ihrem Mann. Sie haben die gekauft und an ihn für wenig Geld weitervermietet. Insgesamt hat Bernd Höhne übrigens zwei Kinder, beides Mädchen. Eine wohnt in Berlin, die andere in Leipzig. Ich will nun beginnen, am Besten ganz am Anfang, also frage ich Bernd, ob er in Berlin geboren ist. »Nein, nein. Ich komme aus Sachsen-Anhalt, aus der Gegend um Halle. Ich bin erst mit 17 nach Berlin gekommen,« sagt er und fügt hinzu: »Ich bin hier geblieben, bis ich 49 Jahre alt war. Dann ging ich runter ins badische Land, weil dann, sagen wir es mal so, hier alles aufgelöst wurde und es dort Arbeit gab. Außerdem wohnte meine Schwiegermutter dort. Über sie bekam ich eine Stelle in einem Kraftwerk am Rhein.« Ich glaube zu erkennen, dass Bernd ziemlich nervös ist. Nicht nur, weil er sich während unseres Gespräches an seinen Karteikarten fest hält, als könnte er ohne sie seine Geschichte nicht erzählen, sondern auch, weil er häufig rasante Zeitsprünge vollzieht. Ich muss einen Schritt zurück gehen und nachhaken. »Bernd, wie war das, als du in der DDR gelebt hast?« »Ich bin 1960 nach Berlin gegangen. Dort habe ich am Lehrstuhl für Leninismus und Marxismus im Archivwesen gearbeitet, weil dort auch meine Frau war. Dann kam die NVA und dann habe ich wieder an der Uni, bei meiner Frau, gearbeitet. Und das haben wir dann gemacht, ja, bis zum Schluss. Meine Frau ist dann 1991 runter gezogen, ich schließlich ein Jahr später. So war das.« Nachdem er das gesagt hat macht er zunächst eine lange Pause und berichtet dann von seinen Schwierigkeiten sich an das Leben in Süddeutschland anzupassen. Die Menschen, das große Wirtschaftsunternehmen, das Kraftwerk, das waren zunächst alles große Unbekannte für Bernd Höhne. Dann macht er wieder so einen Zeitsprung, dieses mal zurück in die Vergangenheit. »Oh, ich habe ja auch mal drei Jahre lang gelernt die Geräte im Braunkohle-Tagebau zu führen. Da, wo die jetzt noch stehen, da machen die Leute ja jetzt Musik, son großes Festival. Oh, dahin habe ich es auch noch nicht geschafft, da will ich auch noch hin.  Ja, genau. Aber dann sind wir da unten gewesen, im Dreiländereck. Die Sprache da unten, mein lieber Scholli! Da hat sich alles gemischt, das Badensische, das Elsässische und das Schwiizerdütsche,« erzählt er mir in atemloser Geschwindigkeit.

 

Bernd Höhne fühlte sich in seiner neuen Heimat sehr wohl. Er liebte es näher an der Natur zu leben und unternahm mit Kollegen und seiner Frau viele Ausflüge in die Berge, mal nach Locarno, mal in die Vogesen. Er gewöhnte sich durch seine vielen Schweizer Kollegen einen leichten Akzent an. Zu beklagen hatte er irgendwann nur eines: Dort unten war in der Woche nach Feierabend tote Hose, keine Discos, keine Konzerte. Zum Anfang störte ihn allerdings auch das kaum. Denn Bernd Höhne war damls noch in erster Linie Schlager-Fan (»Das ist jetzt vielleicht ein bisschen kurios.«), hörte viel Manfred Schöbel oder Manfred Krug. Mit seiner Frau besuchte er damals einige Schlagerkonzerte am Bodensee, doch die große Leidenschaft für Musik, die sollte ihn erst später packen. Danach erzählt er mir von der Arbeit seiner Frau, zunächst völlig ruhig, doch dann beginnt er zu stocken: »Dann hat sie noch mal eine Schulung gemacht und ist dann zur oberbadischen Zeitung gegangen. Dort hat sie bis zu letzt..,« kurz versagt ihm seine Stimme, »oh, das war eine Zeit.« Seine Frau bekam Krebs, 2003 war das. Drei Jahre lang pflegte Bernd seine kranke Frau von zu Hause aus. Zumindest konnte er zu dieser Zeit bereits Altersteilzeit beantragen. Erst kam die Therapie, dann ging es seiner Frau eine Zeit lang wieder besser, dann jedoch ging es rapide abwärts. 2006 wurde schließlich seine Betriebswohnung, in der die beiden lange gelebt hatten, aufgrund einer Fusionierung mehrerer Kraftwerke verkauft. Über den Tod seiner Frau schweigt Bernd und ich traue mich nicht, ihn darauf anzusprechen. Ich kann es nicht leugnen, die Geschichte berührt mich. Vielleicht ist es gut so, dass Bernd den tragischsten Teil der Geschichte auslässt und lieber damit fort fährt, wie er nach Rheinfelden zog und plötzlich wahnsinnig viel Zeit hatte. Er war ein alleine stehender Rentner und hatte nichts zu tun, er langweilte sich. Wie wohl viel zu viele in seinem Alter. Da hat man vierzig Jahre lang gearbeitet und dann steht man plötzlich alleine, ohne Aufgabe und ohne Ziel da. Deprimierende Vorstellung, aber hierzulande wohl eher Regel als Seltenheit. Viele finden bis zu ihrem Lebensende nicht mehr raus aus diesem Loch.

Bernd Höhne allerdings suchte sich eine neue Aufgabe: die Musik. Zunächst durch das Fernsehen, wenig später dann immer mehr auch durch das Internet, begann er sich immer stärker für Popmusik zu begeistern. Er, der die letzten 30 Jahre nur Schlager und Klassik gehört hatte. Dementsprechend klein fing er an, so banal und zugleich folgerichtig wie nur vorstellbar, also mit den Castingshows Deutschland sucht den Superstar und Popstars. Ja, wirklich. Damit gewinnt er freilich keinen einzigen Preis für Coolness. Aber wie hätte er auch cool sein können. Wir alle haben uns im Laufe unserer Jugend das Wissen antrainieren können, mit dem wir heute entscheiden, was guter und was schlechter Pop ist. Auf gewisse Weise macht uns das unfrei, schließlich wird es mit immer umfassenderen Wissen stetig schwieriger Dinge einfach unbedarft zu feiern, ohne sie direkt kulturell einzuordnen oder entscheiden zu müssen, ob man diesen oder jenen Künstler nur ironisch oder sogar ernsthaft feiern darf. Aber dadurch, dass Bernd Höhne die vergangenen Jahrzehnte sozusagen im Schlagerland verbrachte, war er damals in Sachen Pop-Verständnis noch ein Kind. Und genau mit einer solchen Begeisterung, wie sie nur Kinder an den Tag legen können, widmete er sich anfangs auch den Kommerz-Maschinen DSDS und Popstars. Der erste Musiker, für den sein Herz entflammte, hieß Max Buskohl, ein für das Casting-Universum erstaunlich »rockiger«, junger Mann. Buskohl stieg 2007 zwar kurz vor dem Finale bei DSDS aus, doch da war Bernd bereits Fan und wusste, dass Max nebenbei schon länger in einer Band sang – Empty Trash. Wenig später begann er immer häufiger nach Berlin zu reisen. »Easyjet kennste, oder? Ich hatte ja Zeit, also konnte ich immer auf die günstigsten Preise warten. 35 Euro, hin und zurück,« erklärt er mir. Irgendwann fuhr Bernd so oft nach Berlin, dass seine Tochter ihn darauf ansprach. »Sie hatte gemerkt, dass ich aus der Stadt, ich hatte ja auch einige Freunde dort, immer glücklich zurück kehrte, während ich in meinem Zuhause immer so traurig wirkte. Irgendwann sagte sie: So Papa, du bleibst jetzt da oben!«

Im Februar 2009 wurde Bernd Höhne schließlich zum zweiten Mal Berliner. Er zog in die Wohnung, in der ich gerade mit ihm sitze und genoss es sehr, dass um ihn herum endlich wieder mehr passierte. Im selben Jahr lernte er unter anderem Niklas Dennin kennen, der damals gemeinsam mit Elif Demirezer (die es heute als Elif mit ernst zu nehmendem Songwriter-Pop versucht) an der Duett-Ausgabe von Popstars teilnahm und den zweiten Platz belegte. »Da haben sie die beiden schon betrogen. Das habe ich dem Dee auch mal gesagt,« erzählt Bernd. Ebenfalls 2009 begann er, in Berlin immer häufiger zu Konzerten zu gehen, vor allem zu denen seiner Lieblingsband Empty Trash. Zu Bernds bedauern löste sich die Band bereits Anfang 2010 auf. In der Rückschau war das jedoch vielleicht das Beste, was ihm passieren konnte. Denn erst nach dem letzten Konzert von Empty Trash begann Bernd Höhne so richtig in die deutsche Rock/Pop-Szene einzutauchen. Immer häufiger ging er auf Konzerte, manchmal drei, vier mal pro Woche. Er hat zwar nie Englisch gelernt, dennoch schaute er sich auch immer mehr junge Bands an, die in der ihm fremden Sprache sangen. Regelmäßig besuchte er Newcomer-Veranstaltungen, zum Beispiel im Dunker Club in Prenzlauer Berg, im Magnet Club in Kreuzberg oder im Waschhaus in Potsdam. So lernte er so unterschiedliche Bands und Acts wie Golden Pony Boy, Mega Mega, Vierkanttretlager, Casper, die Smokin Thompsons, Bakkushan und die Killerpilze kennen. Wie gesagt, eine Unterscheidung in cool und uncool, authentisch oder konstruiert, nimmt Bernd Höhne nicht vor. Findet er eine Band sympathisch ist er Fan, ganz einfach.

 

Mit der Zeit lernte Bernd so viele Künstler kennen, dass er ein System entwickeln musste, um nicht den Überblick über all die Pflichtveranstaltungen zu verlieren. Zunächst legte er sich einen Leitz-Ordner zu, in dem er von nun an alle anstehenden Events archivierte. Er zeigt mir nun, mittlerweile wirkt er deutlich entspannter, einen besonders fettes Exemplar, in dem ich mich durch Dutzende, ausgedruckte und nach Monaten sortierte Facebook-Events durchblättere. Als nächstes drückt Bernd mir eine Box mit Karteikarten in die Hand. In ihr stehen alle Bands, die er als die »seinen« bezeichnen würde. Ich sehe zwischen vierzig und fünfzig Karten mit Namen, unter denen jeweiligen Bandmitglieder aufgelistet sind. Wir blättern die Box gemeinsam durch. Ab und zu kommentiert er eine mit einem langgezogenen »Ohhh«, wenn sich besagte Band mittlerweile aufgelöst hat oder mit einem kurzen Satz. Zum Beispiel: »Gott oh Gott, Mikroboy. Nicht so gut.«

 

Für Bernd Höhne ist das mit der Musik mehr als nur ein Hobby. Es ist, irgendwie anrührend, seine aktuelle Lebensaufgabe. Nur, warum? Woher nimmt ein Rentner die Motivation seine Abende regelmäßig in verrauchten, kleinen Clubs mit einer Horde junger Menschen und einigen Nachwuchs-Bands zu verbringen? »Ich weiß nicht. Früher, als meine Töchter so etwas gehört haben, dachte ich ja immer: Wie kann man nur so eine Buschmusik hören?«, lacht Bernd laut und fügt wenig später hinzu: »Ich finde es einfach immer schön, wenn ich so junge Leute eine Zeit lang ein bisschen auf ihrem Weg begleiten und mal mit ihnen reden kann. Ich suche auch nach den Konzerten oder per Facebook und Myspace immer den direkten Kontakt zu den Kids. Große Bands wie die Toten Hosen interessieren mich nicht so sehr. Die sind ja irgendwie schon an andere vergeben.« Zudem habe er durch die Musik seine Mädels, wie er sie nennt, kennen gelernt. Andrea und Alex, zwei eigentlich schon längst erwachsene Frauen, heißen die beiden. Sie begleiten Bernd Höhne zu vielen der Konzerte. Zudem haben sich zu einigen »seiner Jungs« echte Freundschaften entwickelt. Von manchen Künstlern kennt er gar die Eltern. Schlechte Erfahrungen mit jungen Bands, die sein Interesse für ihre Kultur amüsant finden, habe er nie gemacht, versichert er mir. Im Gegenteil. Er werde sogar ab und zu gefragt, ob er nicht mal mit auf die Bühne kommen oder in einem Video mitspielen möchte. Ich muss zugeben, ein wenig zweifle ich noch immer. Eigentlich muss es doch Menschen geben, die Bernd Höhne nur an sich heran lassen, um sich mit ihm, dem ewig gutgläubigen, einen Spaß zu erlauben. Aber vielleicht, denke ich sogleich, ist das auch nur mein innerer Pessimist, der nicht so recht glauben will, dass diese Musiker Bernd in ihren Reihen akzeptieren, ohne es merkwürdig zu finden, dass er ein halbes Jahrhundert älter ist als sie.

 

Vielleicht ist das ohnehin egal, so lange Bernd die Aufmerksamkeit genießt, die man ihm zu Teil werden lässt. Und das tut er. Stolz berichtet er, dass er kaum über die Oberbaumbrücke Richtung Magnet laufen könne, ohne von irgendjemandem angesprochen zu werden. Viele Berliner Veranstalter würden ebenfalls wissen, wer er ist und die Musiker kennen ihn sowieso. Was mich dann doch auch interessiert ist, ob es Musik gibt, die Bernd Höhne überhaupt nicht mag. Schließlich ist sein Bandgeschmack so vielseitig, wie ungewöhnlich. Da lacht er wieder: »Hier, diese Metal-Geschichten, die mag ich gar nicht, da könnt ich mir den Kopp abreißen. Rapper mag ich auch nur, wenn sie nicht so schnell sprechen. Vielleicht habe ich das nur noch nicht lange genug gehört, aber bei Prinz Pi zum Beispiel war ich mal bei einem Konzert und das ist gar nicht mein Fall. Da komme ich nicht mit.« Das ist vielleicht das Schönste an Bernds Geschichte. Das er nicht vorgibt alles zu verstehen. Er lernt eben immer noch, arbeitet sich mit großer Begeisterungsfähigkeit voran und behält sich jene kindliche Naivität im Umgang mit populärer Kunst bei, die so viele von uns längst verloren haben.

Wir reden mittlerweile seit weit mehr als einer Stunde. Ich brauche eine kurze Gesprächspause, also entschuldige ich mich und verschwinde kurz auf Toilette. Ich kehre zurück, trinke einen Schluck Cola und spreche Bernd auf den eigentlichen Anlass unseres Gespräches an. Bernd hat nämlich angekündigt, im Herbst diesen Jahres, kurz nach seinem nächsten runden Geburtstag, die Bandshirts an den Nagel zu hängen und aufzuhören. Ich frage Bernd, warum er sich dazu entschieden hat: »So langsam muss ich halt auch mal stopp sagen, das wird mir irgendwie alles zu viel. Und am 13. September organisiert meine Schwester für mich eine Party mit ganz vielen Freunden und Bands in der Kulturkantine Prenzlauer Berg. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich will aber, hm, irgendwann muss man einfach mal einen Schlussstrich ziehen. Viele glauben mir das ja nicht, weil ich immer so cool wirke, aber ich bin ja schon echt alt. Ich bin einfach jung geblieben,« sagt Bernd. Ich frage ihn, woran das liegt. Er antwortet: »Ich war einfach noch nie jemand, der gerne auf der Couch rum hängt. Früher war ich immer im Schwarzwald Wandern, jetzt bin ich eben in Berlin unterwegs. Ja, wir werden sehen, hach,« beendet er die Aussage mit einem tiefen Seufzer. Mir fällt eine unlogische Stelle in Bernds Plan auf. Ich bitte ihn, noch mal den Ordner mit den Veranstaltungen heraus zu holen. Vorhin hatte er mir noch ein Facebook-Event von einer seiner Bands gezeigt, die ihm November ihr letztes Konzert spielen wird. Also zwei Monate nach seinem angedachten Abschied. Wir stellen fest, dass Bernds Konzertkalender bereits bis zum 06. Dezember 2013 geht. »Da siehste es. Ich widerspreche mir schon wieder.« Bernd Höhne grinst mich an und ich kann nicht anders, als zurück zu grinsen.

 

Na bitte. Da haben wir es doch. Ich spreche noch kurz mit Bernd über sein zweites Hobby, Bücher, fotografiere ihn auf seinem Balkon in seinen Bandshirts, bedanke mich für ein großartiges Gespräch und nehme Abschied von Bernd. Ich komme aus dem Haus, laufe ein paar Schritte und blicke dann noch mal zurück. Da steht Bernd natürlich bereits wieder auf seinem Balkon und lächelt. Er winkt, ich winke unweigerlich zurück und denke mir: »So geht also in Würde altern auch.« Und dann gehe ich los. Zurück zur Straßenbahn.

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Felix Stephan, DIE WELT






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