Home Blog Shop Ausgaben Verkaufsstellen

Bilderbuch im Interview zu SCHICK SCHOCK

Nach ihrer grandiosen wie mutigen Neuerfindung mit der »Feinste Seide»-Ep im letzten Jahr, erscheint nun im Februar das Album, auf das alle warten: »SCHICK SCHOCK«. Mit der Platte beweisen sich die Österreicher, die momentan jeder deutschen Band in Sachen Coolness, Stil und Swag die Schau stehlen, als furchtlose Seiltänzer zwischen Pop-, Gegen- und Hochkultur. An einem ruhigen Abend im Tourbus sprachen wir mit Leadsänger Maurice Ernst, dessen Amour fou mit einem gelben Lamborghini die Band innerhalb kurzer Zeit von der respektierten Indie-Kapelle zu gefeierten Pop-Erneuerern und Falco-Wiedergängern avancieren ließ, über künstlerisches Selbstverständnis, die Vermischung von Trashsounds und HiFi und eine mögliche Verwandtschaft von Bilderbuch und Toto.

 

Was bedeutet es euch, dass ihr im letzten Jahr gerade in Deutschland einen extremen Zuwachs an Interesse und Zuspruch erfahren habt?

Dass wir heute durch unsere größere Zuhörerschaft oder die Ernsthaftigkeit des Momentes etwas machen kann, dass eine Lobby hat, bedeutet für uns vor allem auch, dass man das erste Mal etwas von uns erwartet. Allerdings schlägt sich das weniger innerhalb der Musik wieder und vielmehr außerhalb, um ganz konkret zu werden: in der Zeit. Wir haben plötzlich viel weniger Zeit für einzelne Dinge, müssen Einiges sehr viel schneller entscheiden. Das sorgt natürlich für Stress, aber eben auch dafür, dass das Produkt in seiner Gesamtheit viel mehr als früher ein unmittelbarer Abdruck einer bestimmten Phase ist.

 

Das klingt, als seist du gerade trotz des Zeitdrucks mit dem fertigen Album sehr zufrieden.

Zufriedenheit hat nicht immer nur was mit dem Jetzt zu tun, sondern auch damit, Abstand von der eigenen Arbeit zu gewinnen. Deshalb bin ich heute auch mit dem ersten und mit dem zweiten Album zufrieden. Das ist eine schöne, gesunde Zufriedenheit. Eine momentane Zufriedenheit ist wahrscheinlich häufig auch ungesund. Natürlich spüren auch wir beim Aufnehmen oder wenn wir mit einem Song oder einer Platte fertig sind ein emotionales Hoch. Aber um seine eigene Kunst tatsächlich irgendwie bewerten zu können, braucht man schon einen gewissen Abstand davon. Gerade in der finalen Phase der Produktion ging alles so schnell, dass ich wohl erst in einem halben Jahr werde bewerten können, ob ich wirklich mit dem Album zufrieden bin. Ohne Abstand sieht man immer vor allem auch die Fehler und übersieht dabei häufig die eigenen Stärken. Das liegt aber auch daran, dass ich grundsätzlich sehr kritisch bin. Ich kann aber definitiv sagen, dass »SchickSchock« ein spitzen Album geworden ist. Es groovt gut.

 

 

Habt ihr euch trotz oder wegen des großen öffentlichen Interesses an eurer Band dafür entschieden für euer neues Album mit »Maschin Records« eine eigene Plattenfirma zu gründen?

Es war uns einfach wichtig, das Label bei uns zu behalten. Natürlich hat man im letzten Jahr plötzlich einen leichten Zug gespürt, aber unsere EP hat damals noch niemanden aus der Industrie interessiert. Und als wir dann in aller Munde waren, waren da plötzlich die selben Leute, nur wollten sie auf einmal doch was von uns. Daran sieht man einfach, wie wendehalsig dieses Geschäft ist und, dass es am Ende nur auf einen selber ankommt. Man lernt durch solche Erfahrungen, sich selbst ohne Kompromisse treu zu bleiben, wenn es nicht so gut läuft, aber eben auch dann, wenn man mit etwas Erfolg hat. Das sagt sich jetzt natürlich leicht. Aber auch wenn es jetzt alles den Bach runter geht und das nächste Jahr eine Katastrophe wird, müssen wir am Ende noch die Courage haben zu sagen: »Das ist trotzdem unser Weg.«. Denn ich glaube durchaus, dass wir großartige Fans haben, die sich mit uns auf diese Abenteuerfahrt eingelassen haben. Und Bilderbuch wird immer eine Abenteuerfahrt bleiben. Ich glaube, dass wir eine Band sind, die immer wieder überraschen kann, das merkt man auch an den verschiedenen Singles, von »Maschin« bis »OM«. Und zum Überraschen gehört neben der Erfüllung immer auch die Enttäuschung gewisser Erwartungen. Dessen muss man sich als Künstler immer bewusst sein. Denn eigentlich wollen deine Fans immer, dass du klingst, wie auf deinem ersten Album. Aber wenn du das dann tatsächlich tust, dann langweilen sie sich.

 

Euer Sound hat sich im Vergleich zu den ersten beiden Alben ja auch extrem gewandelt.

Das liegt zu einem großen Teil daran, dass unsere Arbeitsweise heute eine andere ist. Früher waren wir einfach zu viert im Proberaum und haben drauf los gespielt, dann ist unser Schlagzeuger ausgestiegen und wir mussten eine neue Arbeitsweise finden. Dadurch, dass wir zwischen Computerdemos und Bandproben auf einmal anders arbeiten mussten, ist zum einen eine viel größere Zahl an Ideen verloren gegangen als vorher. Zum anderen ist aber durch dieses sehr diffizile Arbeiten auch das entscheidende Moment entstanden, das dafür verantwortlich ist, dass Bilderbuch klingen wie Bilderbuch. Es lässt sich nicht genau sagen was es ist, aber da ist etwas. Gerade weil heute theoretisch einfach jeder Musik machen kann, muss man sich selbst und auch sein Handwerk eben soweit treiben, bis man es schafft etwas Eigenständiges zu schaffen, dass Niveau und Pop verbindet. Es ist heute so leicht am Computer gewisse Sounds zu reproduzieren, dass selbst große Hits oft so klingen, als wären sie lieblos per Logic Plug-Ins produziert. Der Soul geht einfach verloren. Wir als Musiker müssen aber um den Soul kämpfen und darauf bestehen, dass er in unseren Songs weiterlebt, denn auch gute Musik aus dem Computer hat Soul. Einen Song zu schreiben muss mehr sein, als sich eine Schablone für eine gewisse Form zu suchen. Am Ende des Tages hat es natürlich in der Popmusik immer viel Müll gegeben, und der Müll wird auch immer überwiegen, aber trotzdem ist es möglich dazwischen seinen Platz zu finden.

 

Also hattet ihr für euren Kurswechsel keinen Masterplan?

Es hat eine Gefühlsänderung stattgefunden. Wir wussten, dass wir nicht so wie vorher weiter machen wollten und mussten uns dafür von einigen Indiezwängen befreien. In Wien gibt es zum Beispiel diese Völkchen, das sich von sich selbst ernährt. Man trifft sich dann immer mit den gleichen Leuten im gleichen Club und erzählt sich, wie scheiße alles in Wien ist und das man überhaupt keine Perspektive hat. Aber wir hatten das Glück Menschen von außerhalb kennenzulernen, die wirklich für ihre Sache leben, ohne die ganze Zeit darüber zu klagen, was alles gerade Scheiße ist und was es ihnen schwer macht. Und so musst du es eben machen. Wenn du Tischler bist, musst du eben auch weiter Tische machen und es nützt keinem was, wenn du dich über dein Holz beklagst. Das sich alle beklagen, hat mich in Österreich wirklich immer angestrengt, aber ich merke gerade verliert sich das etwas. Ich war zwar schon seit Ewigkeiten nicht mehr in diesen Kneipen unterwegs, aber ich habe das Gefühl in Wien tut sich gerade musikalisch einiges: Wanda zum Beispiel. Oder Olympique. Das stimmt mich froh. Es hat ja in Österreich immer eine riesige Kluft gegeben in der Wahrnehmung von »unserer« Popmusik und Produktionen aus dem Ausland. Musik aus Österreich war für die »normalen« Leute immer nicht gut genug. Die haben sich gedacht: »Ja, lasst die Kleinen mal machen, die schustern sich dann gegenseitig ihre Musik zu, aber für die normalen Leute ist das nichts.« Sich für ihre eigene Popkultur zu begeistern und wirklich auch eigene Helden zu ernennen, das hat Österreich in den letzten Jahren extrem verpasst. Aber ich spüre wie gesagt eine Öffnung in diese Richtung. Ich glaube mittlerweile fühlt sich der Österreicher sogar von den Medien betrogen, weil ihnen gewisse musikalische Inhalte vorenthalten werden. Denn Wanda und Bilderbuch laufen trotz großer Resonanz nicht auf den großen Radiosendern. Wir laufen bei FM4 und das hilft uns extrem, auch bei unserer Idee Avantgarde und Pop zu vermischen. Aber in den Augen vieler Österreicher hält uns genau das auch klein. Wenn ich aber positiv denke, dann fängt es langsam an, dass die Leute merken: Popmusik ist für alle und Popmusik kann mehr. Wenn ich negativ denke, dann denke ich: Die Österreicher sind immer noch langsam. Das wird noch ein paar Jahre dauern. Aber wir sind natürlich auch nicht die klassische Radioband und das werden wir auch mit diesem Album nicht werden. Wir bleiben sperrig und verspielt.

 

Du hast schon oft davon gesprochen, dass deutscher Musik der Sexappeal fehle. Außerdem ist Prince eine eurer Referenzen. Wird es auf dem Album ein Lied über Sex geben oder bleibt das Subtext?

Ich glaube das bleibt Subtext und das ist, denke ich, eigentlich auch der Witz dabei. Wir kennen ja alle diesen Song »Blow my whistle, baby«, der vor ein paar Jahren ein Hit war. Da bleiben wir auf jeden Fall subtiler. Der Song auf dem Album, der aber am meisten Sex hat, ist »Softdrink«. Man versteht vielleicht nicht jedes Wort, aber es geht um Nähe und das spürt man einfach. Aber in Wahrheit geht natürlich auch in diesem Song um mehr als nur Sex. Da gibt es megamäßig viele Metamessages. Für mich bedeutet Sex in der Musik einfach Soul. Wenn da Soul ist, da kannst du es auch Sex nennen.

 

 

Spezielle Sounds haben einen extrem hohen Stellenwert auf der Platte. Wie viel Zeit verwendet ihr während der Entstehung eines neuen Songs auf der Suche nach den richtigen Sounds?

Dadurch, das viel vom Album von Anfang an am Computer entstanden ist, haben wir bewusst auf Trash-Elemente gesetzt und das dann im Studio mit einer HiFi-Ästhetik kombiniert. Beim Titeltrack »SchickSchock« haben wir beispielsweise eine Schlagzeugspur aus dem Proberaum ge-reampt und in Schleife laufen lassen. Diesen straighten HipHop-Ansatz, bei dem sich ein Beat ein ganzes Lied lang nicht verändert, verfolgen wir hier zum ersten Mal. Der Rock passiert dann erst durch die Gitarren und die Grundstimmung. Um das miteinander zu verbinden sind uns spezielle Sounds sehr wichtig und damit einher geht bestimmt auch ein gewisser Perfektionismus. Wir sind nichtmehr nur die Punkband, die wir mal waren, aber wir lassen den Punk auch immer noch zu. Weil es eben zum Beispiel auch trashige Sounds auf den Songs gibt, zu denen wir einfach stehen. Man darf das Grundgefühl eines Stückes ja auch nicht an einen Sound verkaufen. Man muss die Essenz eines Liedes erkennen und möglichst organisch unterstützen. Selbst wenn der Produzent tausendmal sagt, wie Scheiße vielleicht manchmal eine Stimme klingt, wenn diese Stimme das Lied ausmacht, dann muss sie so bleiben. Manchmal muss man die Dinge einfach stehen lassen wie sie sind. Ich denke, dass man als Künstler über die Jahre mehr und mehr an den Punkt kommst, an dem es nicht mehr um Liebhaberei geht, sondern du einfach machen kannst, weil du dir ein gewisses Selbstverständnis erarbeitet hast. Es gibt diese Geschichte, in der Picasso von einem Bewunderer in einem Restaurant gebeten wird etwas zu zeichnen. Picasso nimmt also eine Servierte und zeichnet in wenigen Sekunden eine Taube. Der Bewunderer ist begeistert aber Picasso fordert für das Bild 10.000 Dollar. Der Bewunderer ist empört, schließlich ist das Bild in wenigen Sekunden entstanden. Picasso aber entgegnet, er läge falsch in der Annahme, in dem Bild stecke nur die Arbeit von wenigen Sekunden. Vielmehr steckten über 50 Jahre harter Arbeit darin und dafür wären 10.000 Dollar doch ein bescheidener Preis. An diesem Punkt sind wir natürlich noch lange nicht, aber es ist gut daran erinnert zu werden an seinem Selbstverständnis als Künstler zu arbeiten, indem man sich in gewissen Momenten einfach mal machen lässt und dann sieht, dass das auch funktioniert. Nicht das ständige Bedürfnis zu haben, das alles was man macht immer und sofort den eigenen Ansprüchen gerecht wird, die ja teilweise absurd sind, und zu erkennen, das vieles trotzdem einen Wert hat, ist etwas sehr heilsames. Schließlich machen wir nicht zum ersten mal Musik, da kann man sich schon mal auf sich selbst verlassen.

 

Bei den Texten ist diese Mischung ähnlich. Sie klingen oft wie Gedankenströme mit vielen spontanen Abzweigungen. Nicht jeder Satz beinhaltet unbedingt eine große Botschaft.

Diesns Ansatz habe ich noch auf dem letzten Album verfolgt, da musste jeder Satz quasi in Stein gemeißelt für sich stehen. Ich bin was das angeht holistischer geworden, es geht also mehr um ein Gesamtgefühl. Mir ist vor allem wichtig, das ich jedem Satz den ich singe charaktertechnisch gewachsen bin und umgekehrt. Heute macht es mir Spaß auch Einfachheiten rauszuhauen, die ich mir früher nicht getraut hätte zu singen. Da habe ich mich vielleicht eher hinter großen Worten versteckt und Zweideutigkeiten. Das macht mir heute immer noch Spaß, aber ich brauche mich nicht mehr damit zu schützen, weil ich heute ein anderes Selbstverständnis habe. Die Anspielungen die ich mache sind heute vor allem popkulturell. Von daher gibt es da durchaus auch eine Parallele zur Musik. Dieses collagenhafte Arbeiten ist in der Kunst, gerade durch den enormen Einfluss der HipHop auf die Popkultur, momentan sicherlich die modernste Arbeitsweise. Aber nichtsdestotrotz fühlen wir uns immer noch als Band. Wir sind keine HipHop-Band und ich bin kein Singer-Songwriter. Wer weiß, vielleicht entwickeln wir uns in die eine oder andere Richtung, oder das nächste Album wird Blues. Aber zum heutigen Zeitpunkt fühle ich mich Toto näher als Bob Dylan. Und das ist keine Schande.

 

Dieser Text ist in unserer fünften Ausgabe erschienen, die ihr online weiterhin bei Krasser Stoff bestellen könnt!

 

 

Text: Max Leßmann
Fotos: Jenny Schäfer

0 Kommentare zu “Bilderbuch im Interview zu SCHICK SCHOCK

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

»Ein längst stilbildendes Organ für ästhetische Zeitgenossenschaft.«
Felix Stephan, DIE WELT






Facebook       Instagram       Twitter       Kontakt       Verkaufsstellen       Impressum       AGB