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Grim 104 – Die Wackness der Anderen

 

Der Wahnsinn steht ihm ins Gesicht geschrieben und befällt seine Stimmbänder.  Der junge Rapper Grim104 klingt wütend und schaut finster. Er macht keinen Hehl daraus, was ihm so die Laune vermiest. Ein Stück eröffnet er mit dem Satz: »I can’t relax  in Deutschrap.« Eigentlich heißt er Moritz Wilken und kann durchaus gutgelaunt wirken.  Als die eine Hälfte von Zugezogen Maskulin und mit seiner ersten SoloEP, die  gerade auf Buback Tonträger erschienen ist, sieht er sich einem wachsenden  öffentlichen Interesse gegenüber. Das ist in seinem Sinne. Er will, dass sein wütendes  Gesicht auf Plakatwänden klebt und doch steht er sich selbst unversöhnlich gegenüber.  Wer ist diese widersprüchliche Gestalt?

»L’enfer, c’est les autres«, lautet der unzählig oft zitierte Schlüsselsatz von Jean Paul Sartres 1944 uraufgeführten Drama »Huis clos« (dt. »Geschlossene Gesellschaft«). Bis heute wird dieser zumeist in dem Sinne fehlinterpretiert, dass die »anderen« als vereinfachtes und unbestimmtes Feindbild die Hölle auf Erden bilden, wenn ihrer als unerträglich empfundenen Gesellschaft nicht entronnen werden kann. Aus der Logik des Dramas heraus zeigt sich jedoch die gegenseitige Abhängigkeit der Figuren als wesentlich entscheidender. Sie sind ihr ausweglos und ewiglich ausgeliefert. Weil sie einander brauchen, sich sogar wortwörtlich ineinander spiegeln, sind sie sich selbst die Hölle. Auf den jungen Grim104 lassen sich gleich beide Lesarten anwenden: Der hat nämlich die Schnauze voll von »hängengebliebenen Großstadtrappern«, die mit Mitte 30 immer noch über den Abschlussball rappen oder darüber, wie sie mit ihren Kumpels gekifft haben. Das sagt er. Was er nicht sagt, ist: Zugleich braucht er diese Rapper. Sie bieten ihm auf seiner ersten EP – mit acht langen Stücken eigentlich ein Album, doch das Wort »Album« wollen wir uns noch für später aufheben – aber auch in den bisher veröffentlichten Stücken seines Duos Zugezogen Maskulin die Möglichkeit zur Abgrenzung. Den anderen attestiert er »Wackness« und umreißt so die Konturen dessen, was er eben nicht sein will. Eine emphatische Selbstaussage beschränkt sich auf das Offensichtliche: »Ja, ich bin ein Rapper / Nein, ich bin kein Clown.« Wer ist also dieser Grim104? Und wie kann man ihm nahe kommen?

Die düsteren Tracks seiner selbstbetitelten EP, die auf dem in Hamburg ansässigen Label Buback Tonträger erschienen ist, gehen derzeit ihre Wege, begeistern die HipHop Rezensenten und haben mittlerweile sogar das Feuilleton erreicht. Die Art der Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird, zeugt davon, dass er etwas anders macht als die anderen. Bisher jedoch haben wir nur über die öffentliche Erscheinung gesprochen: über das, was wir seinen Stücken, seinen Videos und seinen Liveauftritten entnehmen können. Was wir da vorfinden, kann uns zugleich verstören wie neugierig machen. Unter einem Video steht der Kommentar: »Würd’ Grim mal gern kennenlernen. Ich frag mich, ob der wirklich so geisteskrank drauf ist, wie er rüberkommt. Ich glaube ja.« Jenseits dieser Erscheinung ist es aber nicht einfach so möglich, Grim104 kennenzulernen. Stattdessen treffen wir Moritz Wilken, geboren 1988 im friesischen Zetel und seit 2007 in Berlin wohnhaft: ein Zugezogener! Moritz Wilken ist nicht sauer, nicht wahnsinnig, erst recht nicht geisteskrank. Er ist freundlich, redselig, konzentriert und humorvoll. Seine Leidenschaft für Rap reicht zurück in die Dorfjugendphase, stand dort jedoch niemals allein: Durch das Abgeschnittensein von größeren Szenekontexten hing er in Friesland genau so mit Dorfpunks rum und blieb bis heute musikalisch aufgeschlossen. Wohl auch deswegen vermisst man in seinen Texten die übliche, HipHopimmanente Selbstreferentialität. Er zitiert die Postpunkband Fehlfarben, gibt Rainald Grebe recht, verweist auf Straight Edge und benennt ein Stück nach einem Roman von Rocko Schamoni. »Ich befürchte, wenn man Referenzen verwendet, hat es immer auch mit Referenzgewichse zu tun, also: ›Hey, ich kenn das Buch!‹ Andererseits bilden diese Versatzstücke den Kosmos, der Grim104 geformt hat. Das sind Sachen, über die ich nachdenke und mit denen ich spielen möchte, und die fließen da ganz natürlich ein. Ich muss nicht erzählen, dass ich dies und das kenne – wobei das unterbewusst auch mit dabei sein kann“, sagt Wilken auf seine immer ausbalancierende Art. 2010 absolviert er ein Praktikum als Musikjournalist bei rap.de unter Marcus Staiger. Dort lernt er den anderen Praktikanten Testo kennen. Zusammen entscheiden sie, dass es sinnvoller wäre, selbst zu rappen anstatt über andere Rapper zu schreiben. Unter dem Namen Zugezogen Maskulin schließen sich die beiden zusammen und beginnen mit der Arbeit an gemeinsamen Stücken. Dass sie dadurch erst in die Lage geraten seien, in ihren eigenen Songs andere Künstler offener zu kritisieren, verneint Wilken. Unter Staiger sei es immer möglich gewesen zu sagen, »was geht und was nicht«. Vielleicht also schärfte sich hier eher noch der Sinn für notwendige Angriffsflächen anstatt ein kumpeliges Miteinander zu proklamieren: »Deutsche Rapper sind wie die CDU: scheinheilig«, heißt es auf »Kauft nicht bei Zugezogenen«, dem ersten Album von Zugezogen Maskulin, das eigentlich nicht als das erste Album betrachtet werden soll. Inhaltlich auf einer Wellenlänge sind es im Zusammen treffen von Testo und Grim aber gerade auch die Widersprüche, die ihre Musik beleben: Durch den eher tiefen und zumeist eher unaufgeregten gesanglichen Widerpart Testo wird Zugezogen Maskulin zu einem stimmlichen Yin und Yang, oszillierend zwischen Wut und Abgeklärtheit, Humor und eiskalter Ironiefreiheit, zudem ein solches, das zwar politisch im linken Spektrum verortbar ist, aber keinen Wert auf politische Korrektheit legt: »Frag uns, warum rappen wir: Weil die ander’n Spastis sind.« Doch Moritz Wilken und Grim104 führen ihre schwierige Beziehung schon wesentlich länger, als es Zugezogen Maskulin gibt. Es sei »der große Grim104Funfact«, dass er sich zuvor MC Nordlicht genannt habe, erklärt er unter schallendem Gelächter. Tatsächlich passt dieser eher freundliche Name nicht zu dem schon seit späteren Teenagertagen bestehenden Alter Ego, das er sich, wie er sagt, aus dem Grund ausgesucht habe, »weil es so schön finster klingt«. Grim sei zudem eine Verkürzung der Musikrichtung Grime, die er eine Zeit lang gerne gehört habe. Er sei jedoch nicht in der Lage, schnell genug zu rappen, um selbst Grime zu machen. Der numerische Anhang entspringt der Graffiti-Ästhetik. Er habe nie gut gesprüht, obwohl er großen Gefallen an dieser Kultur gefunden habe. Gerade für einen Rapper ist es außergewöhnlich, dass die Namenswahl gleich einer doppelten, selbst attestierten Unzulänglichkeit entspringt. Zu selbstkritischen Eingeständnissen ist Moritz Wilken, anders als Grim104, jedoch ohnehin bereit. Auf die Frage nach der Authentizität, danach, wie viel Grim denn nun im Wilken steckt, antwortet er: »Ich bin da im Zwiespalt und kann das für mich noch nicht recht beantworten.« Seine Stücke zeigen, dass die authentische Erfahrung der empirischen Person ebenso vorhanden ist wie die Stimme einer Kunstfigur, die Geschichten erzählt.

»›Crystal Meth in Brandenburg‹ ist kein authentischer Song. Ich komme weder aus Brandenburg, noch kenne ich dort irgendwelche Crystal Meth Köche. Bei ›Frosch‹ gibt es dagegen ausschließlich reale Sachen, die zu einem großen Ganzen zusammengewoben sind.« Nur über Sachen zu rappen, die dem eigenen Erleben entspringen, findet er »wahnsinnig anstrengend« Das gilt nicht nur für sein eigenes Texten, sondern auch für die Texte anderer Rapper: »Weil die meisten Rapper ein unglaublich langweiliges Leben führen, so wie viele andere Menschen auch ein langweiliges Leben führen: ›Oh, erzähl mir davon, wie du mit deinen Kumpels gekifft hast. Hast du Playstation gespielt? Geil!‹«, intoniert er grinsend und räumt zu gleich ein: »Ich kann’s aber auch nicht völlig absurd drehen.« Selbst die unauthentischen Geschichten wie die vom Liebespaar in »Der kommende Aufstand« können naturgemäß immer nur seinem Erfahrungshorizont entnommen sein: »Jeder Autor hat interne Motivationen dafür, warum er eine Geschichte erzählen möchte und so habe auch ich interne Motivationen, warum ich so etwas wie ›Der kommende Aufstand‹ erzählen möchte, ohne dabei zu behaupten, dass das so eins zu eins passiert ist.« Das alleinige Kriterium: »Es muss immer noch zur Figur Grim104 passen.« Und zu dieser Figur gehört es eben auch, andere Musiker anzugreifen. Die Authentizitätsfrage gewinnt hierbei an Brisanz: Handelt es sich um die Wortakrobatik einer Kunstfigur, die sich der spielerischen Seite des Dissens bewusst ist, oder um konkrete Attacken an konkrete Menschen? Zeilen wie »Cro ist das Symptom einer Jugend in der Krise / Kurz vor dem Kollaps lässt sich keiner die Laune vermiesen« scheinen ernstgemeinte Aussagen zu sein, gewissermaßen ein Widerhall auf Adornos »Fun ist ein Stahlbad«, also die Absage an ein vergnügtes Einverstandensein, das die Leichtigkeit von Cros Wohlfühlmusik nahelegt – und das obwohl Wilken Adorno Zitate zumeist peinlich findet: das erinnere ihn immer an »WG-Küchengespräche« und an ein Buhlen darum, »wer das coolere Argument hat«. Cro wurde deshalb bereits wesentlich simpler begegnet: »Ich mag Croissants nicht«, singt Grim in einem Stück von Zugezogen Maskulin, doch klingt dieser Satz im Vortrag wie ein »Ich mag Cros Songs nicht«: Auch Humor spielt eine wichtige Rolle. Grim lacht darüber, dass es nichts zu lachen gibt. Die Ernsthaftigkeit dieser Affronts steht für Wilken aber immer außer Frage: »Die Sachen, die ich da sage, sind ja eben nicht: ›Hey, ich find nicht so cool, wie du rappst.‹ oder: ›Mir gefällt nicht, wie du aussiehst.‹ So etwas würde ich als spielerischer wahrnehmen.

Was ich an anderen Rappern bemängele,« hier unterbricht er sich kurz und sagt zu sich selbst: »Nein, das klingt so lehrermäßig.« Er setzt nochmal neu an: »Das, was ich an anderen Rappern scheiße finde, das sind Sachen, die auf den Kern dessen abzielen, was der andere Rapper macht. Du kannst aber vielmehr Leute scheiße finden, wenn du sie nicht kennst und du nur das siehst, was du scheiße findest. Dagegen ist es kompliziert, Leute scheiße zu finden, die nett zu einem sind. Das ist der schlimmste Augenblick, wenn dein Feind dich umarmt. Dann kannst du auf einmal nichts mehr sagen.« Es ist geradezu erstaunlich, dass es noch so gut wie keine Reaktionen auf die Anfeindungen gibt. Mit wachsender Aufmerksamkeit jedoch könnte das noch eintreten. »Mal sehen, ob da was kommen wird. Ich meine, ich hab’s ja auch verdient. Außerdem möchte ich ja auch Leute ansprechen und ich ärgere mich ja auch wirklich über diese Dinge. Das ist kein sportlicher Competitionkrams – das sind Sachen, die mich ankotzen.«

Doch die »Wackness« ist bei weitem nicht das einzige, das ihn ankotzt. Immer wieder findet man die Grimsche Lyrik gespickt mit politischen Implikationen, etwa, wenn von Steinewerfen die Rede ist, wenn auf das autonomanarchische Manifest »Der kommende Aufstand« oder das 2005 unter anderem von Martin Büsser und Roger Behrens initiierte Projekt »I Can’t Relax in Deutschland« rekurriert wird. Diese Referenzen lassen auf einen politischen Background schließen, der sich in den Texten aber nicht in Form von tagespolitischen Inhalten niederschlägt. »Ich kann mit Deutschtümelei nichts anfangen und kriege immer einen Schauer vor so Kollektiven. Ich habe auch ein Problem mit deutscher Musik des Deutschseins Willen. Es ist ja gegenwärtig nicht unpopulär, sich wieder auf ein Wir Gefühl zu besinnen. Natürlich finde ich auch die deutsche Asylpolitik ekelhaft, aber ich möchte das nicht jedem immer erzählen müssen. Es würde mich auffressen, immer nur Parolenrap zu machen«, sagt Wilken. Dagegen hege er vielmehr die Hoffnung, dass sich seine politischen Positionen als »Gefühl« entdecken lassen. Die Bilder, die er textlich entwirft, die sich zusätzlich in dem von ihm selbst konzeptualisierten Video zu »Crystal Meth in Brandenburg« materialisieren und in den fast schon technoid anmutenden Beats von Kenji451 einen passenden Widerpart finden, wirken tatsächlich auf eine besondere Art verstörend. Sie geben zwar keine Antworten auf politische Fragen, sind keine konstruktiven Vorschläge, aber sie sagen: Hier stimmt etwas nicht!

Auch aus diesem Grund passt Grim104 gut aufs Buback Label, das mit ihm nach langer Zeit wieder an seine Hip Hop Vergangenheit anknüpft. »Das Label kenne ich schon lange: zum einen über meine Rapsozialisation, Beginner zum Beispiel. Zum anderen aber, weil ich früher immer mit den Dorfpunks rumhing habe und so dann auch die Goldenen Zitronen gehört habe. Das war für mich deswegen nichts Neues.« Bereits in einem ganz frühen ZM – Video bekannte sich Grim zu den Goldies, indem er darin ein Shirt der Band trägt. Die Bezüge sind also ohnehin gegeben. Dennoch besteht für ihn die Sorge, zu sehr einen randständigen Exotenstatus im Rap einzunehmen. Grim104 versteht sich als genuiner Rapper, nicht als Hochkulturaspirant. Doch der gemeinsame Besuch eines Edel Sushi Restaurants mit Maler und Labelboss Daniel Richter sowie dem Zitronen Schlagzeuger Stephan Rath genügte, um die Zweifel aus dem Weg zu räumen und die Zusammenkunft zu besiegeln. Die Weichen sind also gestellt, so dass für Testo und Grim104 jetzt das Album im Fokus steht. Eigene und öffentliche Erwartungshaltungen versuchen sie derart auszuklammern, dass sie sich einreden, das kommende Album sei eigentlich das wirkliche Debüt. »Kauft nicht bei Zugezogen« beschränkte sich auf eine kostenlose Veröffentlichung im Internet, sei »unter roughesten Bedingungen« produziert worden und beinhalte, wie Wilken sagt, auch „ziemlich viel Schrott«. Die beiden SoloEPs werden gleichfalls ausgeklammert: Entscheidend sei eben, dass nicht einfach eine Mischung aus Testo und Grim Songs zusammengestellt werde. Es solle jetzt nicht mehr um die Dorfjugend gehen und auch politisch gefärbte Tracks oder »Representer Songs« sollen in den Hintergrund treten. Dagegen arbeiten die beiden gegenwärtig an neuen, roten Fäden, die sich thematisch durch das Album spinnen sollen und suchen Beats aus, die alle von eng befreundeten Produzenten stammen. Es solle insgesamt »ZMiger« werden. Überhaupt macht Moritz Wilken einen gelassenen Eindruck. Den Begriff Erfolg findet er schwierig. Er denkt eine Weile nach, dann füllt er ihn mit seinem eigenen Inhalt: einem, der sich nicht an Verkaufszahlen und Facebook Likes messen lässt. Zuletzt sagt er mit Bestimmtheit: »Mit der EP habe ich erreicht, was ich erreichen wollte. Hier bin ich, das ist das, was ich mache und was ich machen möchte. Es soll so und so klingen und so und so aussehen. Dass Leute das mitgekriegt haben, ist der Erfolg, den ich haben wollte. Das klingt sehr abgedroschen: An die Kohle habe ich nicht gedacht.«

 

Text: Philipp Wulf

Foto: Marc Cantarellas-Calvó

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