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Casper – Born To Run (Teil 1)

Man stelle sich vor die Bands Oasis, Slime, Rancid, Editors und The Avett Brothers würden mit Bob Dylan und Bruce Springsteen in einer unheimlichen Bar irgendwo an einem Highway ins Nirgendwo sitzen. Sie unterhalten sich. Plötzlich bemerken sie, dass sie heimlich alle mal davon geträumt haben ein HipHop- Album aufzunehmen. Einige Stunden später ist jene Bar, die ohnehin von Anfang an nichts als eine Illusion war, auf ewig verschwunden. Alles, was von ihr bleibt ist eine Platte. Sie heißt »Hinterland«.

Was von Außen betrachtet wirkt wie eine äußerst komfortable Ausgangsposition, muss für Casper in Wahrheit wahnsinnig stressig gewesen sein. Ein knappes Jahrzehnt, nachdem er sein Elternhaus verlassen hatte, um in Bielefeld in einer spartanisch eingerichteten WG zu hausen, war er doch noch zum Star geworden. Nicht zu einem, den sich die Klatschpresse zu Nutze machen konnte, dafür aber zu jemandem, dessen Musik viele schätzen, manche gar lieben. »XOXO« mag keine ganze Generation geprägt haben, dazu polarisieren Caspers Musik und Stimme zu stark, dennoch wird dieses Album noch über Jahre hinweg Menschen etwas bedeuten. Leider können Fans manchmal erstaunlich undankbar sein, wenn ihr lieb gewonnener Held ihre Erwartungen unterwandert. Dennoch kam musikalischer Stillstand nicht in Frage, als es Zeit wurde nach einem Nachfolger zu »XOXO« zu suchen. Anstatt auf Nummer sicher zu gehen, entschied sich Casper für einen Neuanfang. »Ich stehe ja total auf extrem epische und erhabene Momente. Ich schätze das erklärt auch meine Liebe zu Bands wie den Editors, Get Well Soon und Coldplay. Gleichzeitig ist mir dieser Pathos im Nachhinein an ‚XOXO‘ etwas sauer aufgestoßen. Wir haben bei der Produktion so lapidar mit diesen Momenten gearbeitet, dass die Platte am Ende manchmal drohte an ihm zu ersticken«, erklärt er während unseres Gespräches im Innenhof des Büros seines Managments Beat The Rich.

Aufbruch ins Ungewisse

»Hinterland« beginnt dennoch mit ähnlich viel Grandeur. Man hört Schritte auf einem feuchten, sumpfigen Boden, dann eine sakral leiernde Orgel, die an Coldplays »Fix You« erinnert – jenen Song, der in den letzten Jahren stets in den Momenten vor Caspers Konzerten aus den Lautsprechern tönte. Eine halbe Minute später klimpert eine Piano-Melodie los, wenig später mächtige Drums. Erst nach knappen sechzig Sekunden explodiert das Instrumental und flirrende Gitarren, Xylophone und Bläser setzen ein. Der Song wirkt monumentaler als alles, an dem Casper bisher gearbeitet hat. Ein behutsamer Einstieg in eine Platte klingt anders. Der Ich-Erzähler des Songs macht sich »Auf und Davon«. Er möchte nie wieder zurück. Er verlässt seine Stadt und lässt dabei alles und jeden, seine ganze Vergangenheit, hinter sich. Dies tut er nicht still und heimlich. Nein, der Erzähler lässt seine alte Heimat gleich im Feuer vergehen. Casper erzählt diese Geschichte mit jenen Mitteln, die man seit »XOXO« kennen und schätzen gelernt hat. Er nutzt eine bildhafte Sprache, die keine Angst vor großen Gefühlen hat und zollt damit Bruce Springsteen, einem seiner vielen Idole, Respekt. In der Hook hingegen zitiert er einen Song seiner Punk-Jugend. Aus dem indizierten »Bullenschweine« von Slime leiht sich Casper die Phrase »Ein Drittel Heizöl, Zwei Drittel Benzin«. Er reißt sie aus dem Kampf gegen die Staatsgewalt hinaus und überträgt diesen ins Private. Hier ist die Revolte kein öffentlicher Kampf, sondern eine individuelle Flucht in die Ungewissheit. Zudem fungiert »Im Ascheregen«, der nicht nur Intro, sondern auch die erste Single des Albums ist, auch als Marketing-Finte. Nach diesem Song mag der eine oder andere eine großspurige Stadion-Rap-Platte erwarten. Diese Menschen wird »Hinterland« möglicherweise enttäuschen.

http://vimeo.com/5453404

»Ich glaube, dass eine Platte die Menschen sofort in eine neue Welt hineinziehen muss, deswegen dieser Song. Ich habe mir vorgestellt wie ein Hörer mit dem Auto über eine Landstraße fährt und dann zum ersten Mal das Album einlegt. Ich möchte, dass dieser Moment so erhaben wie möglich wirkt. Doch allgemein war die Zielsetzung für ›Hinterland‘ eigentlich eine andere. Ich wollte eine Platte aufnehmen, die wesentlich herunter gestrippter und organischer klingt – ein wenig so wie die Musik der Shins

Wieder eine Referenz. Casper ist einer, der in mindestens jeder zweiten Antwort seine musikalischen Quellen nennt, um Zielsetzungen, Sounds und Inspirationen zu beschreiben. Man könnte sagen er arbeitet so, wie die meisten Musikjournalisten schreiben. Er verfügt nicht über das technische Knowhow, er ist ja kein ausgebildeter Musiker und spielt keine Instrumente, aber er weiß dennoch genau, wie seine Songs zu klingen haben. Mit der Musik der Shins teilt »Hinterland« vor allem eine musikalische Offenheit, die sich nicht Genres, sondern nur der Suche nach perfekten, runden Songs verpflichtet fühlt. Seine, wie Casper sagt, »Recherchen« für »Hinterland« begannen allerdings an einem ganz anderen Punkt der Popgeschichte, in unerwarteten Gefilden. »Ich habe eine Zeit lange sehr häufig die ‚Murder Ballads‚ von Nick Cave gehört. Mich hat das total beeindruckt, wie er auf der Platte verschiedene Subebenen, die aus Fabeln und Alltagserzählungen zusammen gesetzt sind, mit einander verknüpft, um eine Geschichte zu erzählen, die die ganze Zeit über irgendwie bedrohlich wirkt. Davon erzählte ich einem Freund, der sich sehr gut mit Musik auskennt. Der wiederum verwies mich auf Robert Johnson. Über ihn wird berichtet, er habe seine Seele an einer Kreuzung an den Teufel verkauft, um der beste Blues-Musiker der Welt zu werden. Und dann war da noch Tom Waits

Den Einfluss jener Ikonen auf Caspers Songwriting spürt man vor allem auf »La Rue Morgue«, der im Titel auf eine Kriminal-Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe Bezug nimmt. In dem Song mimt er einen Erzähler, den man so von ihm noch nicht kannte. Vieles bleibt im Ungefähren. Fest steht, dass im Text ein Mann in Schwarz auftaucht und, dass das Gruseltheater in einer schäbigen Bar spielt. Jugend, Leben, Tod und Drogen könnten eine Rolle spielen. Ein Klavier gibt einen Takt vor, das mit wenigen Tönen aus kommt und Americana-Vibes transportiert. Caspers Vortrag erinnert hier tatsächlich mehr an den Sprech- Singsang des späten Tom Waits, denn an klassische HipHop-Muster. Der Song ist großartig. Mit ihm bewegt sich Casper he- raus aus seiner Komfort-Zone und entfernt sich noch ein Stück weiter von den Charakteristika konventioneller Rap-Songs und auch von dem, auf den ersten Blick identifizierbaren, persönlichen Bezug seiner Texte. Casper und Benjamin verschwinden hinter der erzählten Geschichte.

»Ursprünglich wollte ich, dass die ganze Platte so klingt. Irgendwann merkte ich aber, dass ich ganz besonders Songs liebe, in denen man einen starken, direkten Bezug zum Künstler erkennt. Die Leute lieben ja komischerweise ‚Halbe Mille‚ sehr, dabei ist der Song total unpersönlich. So etwas schreibt sich vergleichsweise schnell und einfach. Aber am Ende reicht mir das nicht. Der Großteil meiner Songs bedeutet mir unglaublich viel, darauf möchte ich nicht verzichten.« Genau dieser persönliche Bezug machte es möglich, dass sich so viele Menschen in »XOXO« verlieben konnten. Bei Casper ging es immer um mehr als um mögen oder nicht mögen. Entweder rissen einen die melancholischen Jugenderinnerungen und die dringliche Aufbruchstimmung mit, oder sie ließen einen völlig kalt. Dies wird bei »Hinterland« nicht anders sein. Auf den ersten Blick wirkt das Album wie das Zeugnis einer sehr persönlichen Suche. Nachdem er seine alte Heimat niedergebrannt hat, geht der Erzähler dort hin, »wo Gedanken im Winde verwehen und die Zeit scheinbar nie vergeht«. Der Ort heißt »Hinterland« und er wird vom Erzähler scheinbar gleichermaßen geliebt wie gehasst. Hier spielt die Geschichte, die dieses Album erzählt, wenn man so will. Ob Hinterland einen Nimmerland-ähnlichen Fantasieort meint oder etwas anderes, das wird jeder für sich selbst entscheiden müssen, Spielraum für Spekulationen bietet die Platte genug. Und Casper wird sich hüten diesen einzuengen, egal wie häufig man ihm im Netz darum bittet, Dieses oder Jenes zu erklären. »Das ist ehrlich gesagt ein HipHop-Phänomen, glaube ich. Die Rap-Kids sind es gewohnt, dass ein Rapper sein Gesicht auf das Cover packt, sich eine Krone aufsetzt und sein Album ›Der König ist zurück‘ nennt. Das versteht man ja sofort. Natürlich hat das Artwork der Platte etwas mit der Musik zu tun, ich habe mir dabei etwas gedacht. Aber ich möchte das nicht erklären, dazu mag ich es selbst zu sehr, wenn einem ein Album die Chance gibt, nach einem eigenen Ansatz zu suchen. Wenn einer meiner Songs für zehn Leute zehn unterschiedliche Bedeutungen hat – umso besser.«

Weiter im Text geht es in Ausgabe #01 von „Das Wetter“. Kaufen könnt ihr diese in ausgewählten Läden, sowie bei Krasser Stoff!

http://vimeo.com/65408440

Fotos: Olaf Heine

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»Ein längst stilbildendes Organ für ästhetische Zeitgenossenschaft.«
Felix Stephan, DIE WELT






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