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K.I.Z. – Die Göttliche Komödie

Sie sind zurück! K.I.Z. sind gekommen, um die Kunde vom nahenden Weltuntergang zu verbrei- ten. Keine Sorge, wird alles nicht so schlimm! Und erstmal kommt sowieso am 03. Juli das neue Album. Genau der richtige Zeitpunkt also für eine Liebeserklärung an die beste Rap-Band Berlins.

 

Text: Juri Sternburg / Foto: Christoph Voy

 

Eine entspanntere Leni Riefenstahl hätte ihre pure Freude gehabt. Halbwegs gestählte Oberkörper, Rote Bengalos, Scheinwerfer und Hebebühnen, Rauchschwaden und Übermenschen. Vor der Bühne angetreten ist eine frenetisch jubelnde Masse, vereint in dem Gefühl der völligen Unterwerfung, bereit, jede Forderung ihrer geistigen Führer blind zu befolgen, betäubt von der Strahlkraft der optischen und akustischen Propaganda. Bereits vor den ersten Klängen des Intros hat sich das Volk lauthals zu seinen Ikonen bekannt, rhythmisch die Namen der Helden in den nächtlichen Himmel posaunt, kollabierend und verzückt auf die Erlösung gewartet, bereit jede Schandtat zu vollführen die ihm aufgetragen wird. Wir befinden uns auf dem splash!-Festival, aber man könnte auch durchaus annehmen, das es sich um eine rituelle Maya-Zeremonie handelt.
 
Endlich setzt der Beat ein, die Jünger mutieren zu einem untrennbaren Pulk, ein einziger Liebesklumpen wie ihn Jean-Baptiste Grenouille nicht anmutiger hätte erschaffen können. Auf der Bühne erscheinen die Heilsbringer: Tarek »Der Nubische Prinz« Ebéné, Nico »Der-durch-die-Tür-geher« Seyfrid, Maxim »Stahl- blaue Augen« Drüner und Sil-Yan »DJ Auge« Bori, kurz: Kannibalen in Zivil. Noch kürzer: K.I.Z. Neben mir kreischen sich nicht mehr ganz so jungfräuliche Mädchen die Stimmbänder heiser, erwachsene Männer weinen vor Glückseligkeit, niemand der nicht mindestens den halben Songtext eines jeden Liedes auswendig kann. Ob »Böhses Mädchen«, »Einritt« oder »Abteilungsleiter der Liebe«: Kein Song, der diesen Menschen nicht das Herz erwärmt.
 
Mein Blick ist verschwommen, sind das da auf der Bühne drei mit einer Frisur oder einer mit drei Frisuren? Im Getöse geht mein Flachwitz glücklicherweise unter. Ein Hit jagt den nächsten, gewollte Eskalation, völlige Ekstase. Gefüllte Bierbecher fliegen über die Köpfe, Schulterblätter splittern beim zwangsverordneten Pogen und körpereigene Säfte werden ungefragt weitergegeben. Dann endlich, als die Schafherde nach unzähligen Songs erschöpft zusammensackt, ein Gospelchor. Als Sakramente fungierend, nehmen sie den anwesenden Sündern die Last ab, all das unrühmliche, was vorher geschah, ist nun vergeben, wenn nicht sogar Gottes Wille.
 
 

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DJ Craft trägt ein überdimensionales Gottesauge auf dem Kopf, er dirigiert und taumelt hinter dem imposanten Chor auf und ab. Weit mehr als 10.000 Menschen liegen sich jetzt zur Melodie von »We are the World« in den Armen, den leicht abgeänderten Text durch den Nachthimmel grölend: »Du Hurensohn, ihr Hurensöhne / Probier den Crip-Walk noch einmal, ich bring »dich um, ich schwöre!« Spätestens jetzt erkennt auch der letzte Ketzer: Hier kann nur Teufelswerk im Spiel sein, das sind keine realen Personen mehr. Die vergötterten Heiden auf der Bühne genießen das Spektakel. Frei nach dem römischen Kaiser Titus Vespasianus (»Vae, puto deus fio!«) muss es jetzt wohl durch ihre Köpfe spuken: »Weh mir, ich werde ein Gott.« So war es einst gewollt von dieser Band: und so ist es nun geschehen.
 
»Die Scherenhände klopfen, du musst den Narbenmann verscheuchen Mit dem verhexten Amulett, sonst wird dich Skinhead Black verspeisen Jede Nacht ein Verbrechen meiner ekelhaften Crew, ich ziehe den Reißverschluss meiner SM-Ledermaske zu.«
(Tarek)
 
Gut zehn Jahre früher. Eine Wohnung im Friedrichshain voller pubertierender Jungs und ein paar junger Mädchen, die angewidert und fasziniert zugleich von der Street Credibility der notorischen Schulschwänzer sind. Die üblichen Utensilien und Devotionalien vervollständigen das Bild: Eine Matratze ohne Bettgestell, eine alte Komplettanlage von Mutti, eine Bong, ein Eminem-Poster und ein paar wild zusammengewürfelte Stühle – all die Dinge halt, die man zwangsläufig braucht, um als Herbergsvater der Clique fungieren zu können. An einen Schreibtisch oder etwa eine Waschmaschine war noch lange nicht zu denken. Wir hören ein Tape der Berliner Rap-Crew Die Lätzten, irgendjemand kommt mit gestohlenen Rasierklingen, die wir später gegen Sprühdosen tauschen werden, herein und alle freuen sich. Das Tape ist zwar immer noch großartig, aber schon ein paar Jahre alt, die Hochzeit von Bassboxxx ist vorbei, Kool Savas ist irgendwie auch nicht mehr der Alte. Taktlo$$ und Co. sind in der Versenkung verschwunden. Aggro Berlin ist zwar cool, aber soviel heavy rotation auf ViVAplus macht uns argwöhnisch und keiner von uns kann sich so schöne rot-glänzende Lederjacken leisten wie Fler sie in seinen Hochglanzvideos trägt.
 

 
Was nun? Einige haben die Seiten gewechselt und hören jetzt Metal, die Deutschrap-Blase sei geplatzt, sagen sie und überhaupt kommt jetzt nur noch Dreck, aber das ist natürlich Quatsch. Eine Lösung für das Dilemma ist dennoch nicht in Sicht. Es klingelt an der Tür. Ein befreundeter Rapper betritt die Wohnung mit Tarek im Schlepptau. Keiner kennt ihn, schweigend setzt er sich in eine Ecke. »Das ist Tarek. Der rappt.« Vor zehn Jahren hieß das durchaus noch etwas, es gab nämlich tatsächlich noch Jugendliche die nicht rappten, dementsprechend wird anerkennend genickt. Etwas widerwillig legt er nach mehrmaliger Aufforderung einen Rohling in die Anlage.
 
Diesen Widerwillen hat er übrigens bis heute nicht abgelegt. Wenn die drei Bandkollegen in die Kamera gucken, schaut er rechts am Fotografen vorbei. Wenn alle lustig sind, wird er still. Wenn die Party auf dem Siedepunkt ist, langweilt er sich. Wer ihn nicht kennt, könnte schnell der Meinung sein, dass er einfach mit der aktuellen Situation unzufrieden ist und es lustiger fände, wenn jetzt jemand einem ein Messer ins Bein stecken würde. Nach längerer Zeit merkt man dann: Er findet die Welt an sich, berechtigterweise, einfach Scheiße. Sympathische Einstellung.
 
Zum »Ignition«-Beat von R. Kelly hören wir die ersten Zeilen dieses Werks, das uns alle etwas ratlos und dennoch schwer beeindruckt zurücklässt: »Acht Uhr am Kotti, ich ficke dein Leben / Ich komm’ mit den Cousins, die dich erst schlagen und dann reden«, flötet Tarek über das seichte Instrumental. Das ist mal ‘ne Ansage.
Was daraus werden würde, ist zu diesem Zeitpunkt noch keinem klar, dafür sind wir viel zu sehr damit beschäftigt, die nächsten Gras-Mischen in den Bongkopf zu stopfen. Außerdem ist keiner der Anwesenden Marcus Staiger. Aber es ist lustig. Und zwar auf eine Art und Weise, die wir vorher noch nicht kannten.
 
»Alter frag mich nicht was der Mist hier soll.
Nenn mich JFK, ich spritz dich auf dem Rücksitz voll,
Und du freust dich total wenn das Sperma rauskommt,
bis dein Auge brennt als wärst du Sauron« (Maxim)

 
Es gibt da diese Anekdote über das erste Treffen des damaligen Royal-Bunker-Labelbosses Marcus Staiger mit den drei Nachwuchsrappern, die wir heute als K.I.Z. kennen. DJ Craft, der damals unterschiedliche Musikprojekte unterstützte und gründete, hatte ein Treffen in die Wege geleitet. Mit viel Elan und voller Hoffnungen traf man sich damals im Keller-Studio der Bunker-Mannschaft mit dem Mastermind des Westberliner Undergroundrap. Aber Staiger zeigte sich wenig begeistert. Das würde alles überhaupt nicht in die Schiene passen, die er und seine Jungs fahren und außerdem, was sollte das eigentlich sein?
 
Zu diesem Zeitpunkt konnte noch keine Rede von dem typischen K.I.Z.-Stil sein, dieser allgemein lieb gewonnenen Mischung aus Zynismus, Satire, Provokation und einer durchaus politischen Botschaft, die allerdings ohne den stets penetrierenden Curse- Zeigefinger auskommt, der einem leicht schmierig durch die Gehörgänge fährt und eigentlich eher in den Darm anstatt in den Kopf der Hörer gelangt. In den Jahren zuvor war die Provokation auf den Musikkanälen meist optischer Natur, inhaltlich anzuecken war in der populären Musik kein gängiges Stilmittel mehr. Da Madonna schon längst sämtliche Körperteile entblößt und Ozzy Osbourne bereits vor gefühlten Dekaden Fledermäusen den Kopf abgebissen hatte, waren die Provokationen der Stars nur noch Fassade. Wenn Janet Jackson ihren Nippel zeigte und der durchschnittliche Rapper mit seiner Drogenvergangenheit und dem kriminellen Umfeld kokettierte, dann war das bereits nicht mehr schockierend – es wurde viel mehr erwartet. Vom Publikum, von den Plattenbossen, sogar von den pikiert dreinschauenden Mütter der 13-jährigen.
 

 
Wenn es also zur Normalität gehört zu provozieren und die Provokation längst erwartet wird, wenn es gar kein Publikum mehr gibt, das sich schockiert zeigt, dann steht man eben im Grunde relativ alleine da mit seiner Provokation, auch wenn die Blitzlichter verrückt spielen. Es hätte keinen besseren Zeitpunkt geben können, um inhaltliche Gesellschaftskritik und skrupellosen Humor in einer derart derben und dennoch filigranen Form im deutschen Rap zu etablieren. Nach einigen Monaten erkannte das offensichtlich auch Marcus Staiger und das Signing kam doch noch zustande. Die Umwelt allerdings, sie ist teilweise heute noch dabei, das Konzept K.I.Z. zu verstehen. Wenn man in Amstaff-Jacke und Cordon-Hose auf ein Rap-Konzert geht, dann wundert man sich eben, wenn plötzlich Oi-Skins neben einem Derwischtänze aufführen.
 
Gerade diese ersten Live-Gigs, auf denen gerne mal mit Fleisch und anderen Lebensmittel geworfen wurde, sorgten nicht gerade dafür, dass die ursprüngliche Begeisterung und die gleichzeitige Verwirrung kleiner wurden. Waren hier etwa Epigonen von Frank Castorf und seinen Kartoffelsalatschlachten am Werk oder hatten die einfach zu viel Punkrock gehört und sich das Gehirn weggesoffen? War das ernst gemeint oder sollte das alles irgendwem den Spiegel vorhalten? Ist das Kunst oder kann das weg? Die Frage stellte sich für die meisten irgendwann nicht mehr, dafür war der Unterhaltungswert zu groß und die textlichen Anspielungen zu exakt.
 
»Ich kann nichts dagegen tun, deine Mutter ist so sexy
und so feucht, ich verfolg sie auf dem Jetski.
Ich hab die Alte in der Hand wie ein Bierbecher,
ich frag mich wann ihr endlich den Humor von Landser kapiert« (Nico)

 
Zurück auf dem splash!-Festival. Die Bengalos sind abgebrannt, Handtücher werden verteilt, Biere geöffnet. Auf dem Festivalgelände trollt man sich langsam in die Zelte, die Schenkelklopfer des Abends immer noch im Gedächtnis. Auch hier und heute sieht man ab und zu noch diese unschlüssigen Gesichter. Und jetzt? War das jetzt Ironie? Sarkasmus? Ist doch alles nur Spaß, oder? Spielt keine Rolle. »Witzig oder nicht witzig, das sind die einzig verbleibenden Kategorien der Postmoderne«, hat mal jemand gesagt. Wenn die erklärte und allumfassende Ironie das Übel der Neuzeit ist, dann ist K.i.Z. die Band, die die gängigen Mechanismen dieses Phänomens aushebelt. Es geht weder darum sein Gegenüber im Unklaren zu lassen, um für seine nicht vorhandene Einstellung nicht kritisiert zu werden, noch macht man sich lieber über sich selber lustig, bevor es ein anderer tut. Du bekommst einfach auf die Fresse. Physisch und lyrisch. Und eine Erklärung wird auch nicht frei Haus geliefert. Entweder verstehst du es oder eben nicht. Und wenn du es nicht verstehst, ist das definitiv dein Problem.
 
Bei kaum einer Band greift die Regel »Deine Texte sind immer nur so klug wie dein Publikum« so sehr. Erstmals fiel mir das auf, als ich verloren in einer Dorfdisco an der Ostsee stand und mich eines Hooligans erwehren musste, dem ich aus versehen in seinen Cuba Libre geascht hatte.
 
 

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Während ich also die letzten Groschen zusammen kramte, um dem Hünen ein neues Getränk zu bestellen, hörte ich das allzu vertraute »Acht Uhr am Kotti…« und drehte mich um. Nachdem der wie ein Autoscooter-Moderator agierende DJ zuvor »Hey, wir wollen die Eisbären sehen« und irgendeinen grässlichen Song von Ja Rule gespielt hatte, versprach so ein K.i.Z.-Gassenhauer Linderung. Zumindest bis ich mir meines Umfelds gewahr wurde. Denn 300 betrunkene, pubertierende »Biodeutsche«, die auf den Boxen stehen und lauthals »Was willst du machen / überall sind Kanacken« singen, holen einen schnell aus dem Alkoholhimmel zurück auf die vollgekotzte Linoleum-Tanzfläche. Der Band kann man daraus keinen Strick drehen, ihre Lebenswelt und Sozialisation ist eine andere, für die Dummheit der Überflüssigen ist man nur bedingt verantwortlich. Textlich ist das Niveau von K.i.Z. viel zu hoch, als dass sie zur Karnevalstruppe stigmatisiert werden könnten, warum sich also von Idioten zum Umdenken zwingen lassen? Nicht jeder ist für Ironie gemacht.
 
Andererseits sind die Texte von K.I.Z. auch nicht für irgendwelche Eliten kreiert, die sich kopfnickend auf Studentenpartys über vermeintlich asozialen Straßenrap amüsieren. Und sie sind auch nichts für Alphatiere, denen das Messer in der Hose aufgeht, sobald man es wagt die Mitte des Bürgersteigs zu benutzen. Auch der ein oder andere Sympathisant des Schwarzen Blocks fühlt sich von so mancher Zeile auf den Schlips getreten.
 

 
Dennoch beansprucht jede dieser Gruppen die Band für sich, will die Deutungshoheit über die Texte gewinnen und den anderen erklären, was denn nun der eigentliche K.i.Z.-Humor ist. Wenn Texte auf so vielen Ebenen funktionieren, spricht das für ihre Qualität.
 
»Skinheadfotze ich rupf dir die Intimbehaarung,
leck dich trotz deiner Tage, es ist Kriegsbemalung.
Sie hat das Dschungelfieber, ich mach mir die Schlampe klar,
denn ich bin kein Romantiker, ich bin Antifa.«
(Tarek)

 
Zwei Jahre nach dem ersten Aufeinandertreffen mit Tarek in der Friedrichshainer Kifferhöhle. Wir stehen am Schlesischen Tor in Berlin-Kreuzberg, wenige Minuten zu Fuß vom Bunker-Studio entfernt, ein Bier in der Hand und sind nervös wegen dem, was da noch kommen mag. Inzwischen war das erste K.I.Z.-Mixtape »Böhse Enkelz« (»Deutschrapkettensägenmassaker«, das erste Release der Band, gilt als Album, Anm. d. Red.) erschienen – ein Dauerbrenner. Jede Zeile ins Gehirn eingebrannt, jede Betonung, jeden vermeintlichen Sarkasmus analysiert, jeden Kritiker eines Besseren belehrt. Ob vermeintliche Straßenpunker vor dem örtlichen PENNY-Markt oder die Kids mit den Pelle Pelle-Baggyhosen, bei K.I.Z. war man sich einig. Und all diese Begeisterten standen nun in Kreuzberg und warteten. Einerseits auf das kommende erste Album »Hahnenkampf«, welches vier Tage später erscheinen sollte, andererseits auf ein wenig Randale und gute Musik.
 
Geplant war ein U-Bahn-Konzert zu Promozwecken, aber wie so oft in Kreuzberg führen spontane Ansammlungen von Menschen zu rabiaten Großeinsätzen der Polizei und diese Einsätze führen wiederum zu spontanen Verbrüderungen und »All cops are bastards«-Sprechchören. Einige Politaktivisten monierten, dass »Bastards« keine akzeptable Beleidigung wäre, immerhin handelt es sich dabei um die Ausgrenzung von unehelichen Kindern, aber das waren die gleichen Typen die später nicht verstanden, wie eine Band gleichzeitig vornehmlich linke Politik unterstützen und »Den Juden das Geld, den Schwarzen die Mädels / denn wir brauchen bloß unsern Spargel aus Beelitz« rappen kann. Weil sie eben den Kontext gerne weg lassen und sich auf die Passagen konzentrieren, die sie nicht verstehen oder verstehen wollen.
 
Bis heute sorgen die Texte von K.i.Z. für Verwirrung, es gibt nicht wenige Neonazis und Dorftrottel, die Songs wie »Biergarten Eden« einfach nicht verstehen können und deshalb Zeilen wie »Wir laufen barfuß auf den Scherben der Reichskristallnacht / wünschen allen Immigranten eine weiße Weihnacht« vollkommen unironisch abfeiern. Denen kann jedoch nicht mehr geholfen werden. Sollen sie sich doch zum Gespött der Anderen machen. Als die Polizei den Weg versperrte, beschloss man kurzerhand mitsamt der aggressiven und angetrunkenen Meute auf das Privatgelände des nahegelegenen Universal-Geländes umzuziehen, wo die Band bis zum heutigen Tag unter Vertrag steht. Viele Geschichten in der Karriere der Kreuzberger Rapgruppe klingen so. Es gab Hindernisse, aber am Ende haben K.i.Z. immer gewonnen.
 
»Wir helfen Kids in der dritten Welt – mit Waffen.
Ne Frau als Kanzlerin, wie fortschrittlich is das denn?
Immer wenn ‘ne Mutter einen blonden Knaben gebährt,
verlässt ein neuer Volkswagen das Werk.«
(Maxim)

 
Samstagnacht in Neukölln. Es ist bereits drei Uhr, vor allem aber ist es bereits 2015. Wir torkeln durch die Gegend und fallen übereinander, ab und zu werden noch ein paar Tags gemacht. Mehr sporadisch, um sich selbst zu beweisen, dass man noch nicht alt geworden ist. An der Tanke noch schnell ‘ne Wodkaflasche einsacken und dann weiter. Plötzlich Stimmengewirr, eine Kneipe liegt in Reichweite, es ist kalt, ein bisschen Wärme kann nicht schaden. Wir öffnen die Tür zum »Schurken« und stolpern an die Bar. Hinter dem Tresen steht, beziehungsweise tänzelt, Maxim. Bis über beide Ohren strahlend, im Unterhemd, so steht er da und mixt Cocktails. Eventuell war ihm das Bargeld ausgegangen und er hatte angeboten für eine Stunde als Tresenkraft zu fungieren, oder er hatte einfach Spaß an der Freude, so genau weiß ich das nicht mehr.
 
Wir setzen uns hin, bestellen drei Cola und gießen heimlich unseren Wodka in die Gläser, ganz so als gäbe es einen Mordsärger, wenn der Barkeeper uns erwischt. Maxim kreiert irgendwelche Zitronenshots, sie schmecken ganz vorzüglich. Keiner fragt, wieso er hinter dem Tresen steht, in einem solchen Zustand erscheint einem vieles normal und da der Mann hinter dem Tresen oftmals freimütig zugibt, dass er ein Mensch ist, der Aufmerksamkeit braucht, ist es auch nicht verwunderlich, dass er die Drinks im Wifebeater serviert. Außerdem müssen all die Stunden beim Kraft- und Kampftraining ja für irgendetwas gut sein und so richtig kann man ihn sich auf der anderen Seite des Tresens auch nicht vorstellen. Maxim auf einem Barhocker, das passt nicht. Wenn ich darüber nachdenke, habe ich ihn außerhalb eines Automobils noch nie wirklich lange irgendwo sitzen sehen. Wie er selbst einmal passend bemerkte: »Früher gab’s für so was Ritalin, heute Applaus!«
 
Die Band steht inzwischen kurz vor der Veröffentlichung ihres fünften Albums »Hurra die Welt geht unter«, Mixtapes nicht mitgerechnet. Ob »Hahnenkampf«, »Sexismus gegen Rechts« oder »Urlaub fürs Gehirn«, seit dem Debüt »Deutschrapkettensägenmassaker« wurden die K.I.Z.-Fans nie enttäuscht, die Reaktionen auf ihre Musik waren immer fast durchweg positiv. »Ich bin nervös«, antwortet Maxim trotzdem auf die Smalltalk-Frage nach der Befindlichkeit. Gefühlt befindet man sich am Scheideweg. Es wurde so ziemlich jede Mutter gefickt auf den vergangenen Alben und dazu kommen noch all die Bands und Rapper, denen immer wieder vorgeworfen wird, billige Kopien des Originals zu sein. Ob Trailerpark, die 257ers oder Die Orsons – es gibt kaum eine Deutschrap-Combo die sich nicht bereits gegen den Verdacht erwehren musste, ein gut funktionierendes Konzept übernommen und ins Unermessliche übertrieben zu haben. Teilweise zu recht, teilweise nicht. Soll man die jetzt übertrumpfen? Oder einfach das exakte Gegenteil machen? Wird das jetzt also ein Konzeptalbum mit Streichern und deepen Texten über die Midlifecrisis oder gibt es wieder mordlüsternde Ausflüge ins Berliner Umland und Hymnen für die Müllkippen-Vergewaltiger und Kinderwagen-die-Treppe-Runterschubser? »Komm doch einfach ins Studio und hör’s dir an«, sagt Maxim und gießt noch einen Zitronenschnaps in das Shotglas. Klingt nach einem Deal.
 
»Die alte Frage, zu dir oder zu mir?
Wir sind beide obdachlos, bleiben einfach hier.
Sie zieht die Hose aus das Zimmer riecht nach Seeteufel,
doch ist sie heiß muss er rein wie ein Teebeutel.« (Nico)

 
Wenn man Nico treffen will, muss man meist eh ins Studio gehen, also hin da. Während in den Nebenräumen des Bunkers öfters mal Partyvorbereitungen getroffen werden und man sich im Kreis in die Sofas fläzt, um sich über das Dschungelcamp, Rap-Gossip oder aber die Dokumentation eines portugiesischen Filmemachers zu unterhalten, hängt Nico meist nebenan in dem schallisolierten Raum, raucht und schraubt an Beats. Oder hört sich Beats an. Oder redet über Beats. Oder denkt zumindest an Beats. In seinem Carlo Colucci-Pulli gehört er längst zum Inventar des Studios. Wenn man die Bandmitglieder in Kategorien und Maßeinheiten packen will, ist er wohl am ehesten Punk statt HipHop, mehr Terrorgruppe als Rocksteady Crew, mehr Pogen als mit dem Kopf nicken. Zumindest kann man das irgendwo nachlesen, wenn man das Internet durchsucht. Ob das wirklich stimmt, ist mir nicht ganz klar.
 
Der »Durch-die-Tür-geher«, der in der Vergangenheit bereits als Kandidat der Partei »Die Partei« antrat, um mit weißer Nase die Abschaffung des »Speed-Limits« zu fordern, oder zusammen mit Grzegorz Olszówka das Duo WassBass gründete, gibt offen zu, ab und an zu flunkern: »Zum Beispiel wenn ich sage, ich würde eine Fernbeziehung führen, weil mein Schwanz so lang sei.« Die Kippe im Mundwinkel fährt er mit der Maus über den Bildschirm, gleich ist es soweit und das kommende Album dröhnt aus den Boxen. Jetzt sitzen Sie alle hier, Maxim tanzt im Sitzen, Sil-Yan freut sich über jede der respektlosen Zeilen, Tarek lächelt zurückhaltend und verschmitzt. Nico wiederum grinst, so wie man eben grinst, wenn man weiß, dass die Arbeit der Vergangenheit sich gelohnt hat. Die ganzen Fragen, die einem als jahrelangem Hörer der Band vorher im Kopf herum spukten, sind wie weggefegt.
 

 
Kann man sich in Sachen Sarkasmus nach den Alben der Vergangenheit überhaupt noch steigern? Geschenkt. Soll man vielleicht back to the roots, wie es der ein oder andere Künstler im letzten Jahr vorgemacht hat? Uninteressant. Wird es diesen nachgewachsenen Kids gefallen? Wer weiß. Die entscheidende Frage lautet jetzt nur noch: Hat man sich weiterentwickelt? Ist das alles immer noch so spannend wie in der Vergangenheit? Ist »Hurra die Welt geht unter« das beste Album das sie bisher gemacht haben? Und da kann die Antwort nur heißen: Ja, ist es. Daran lassen K.i.Z. keine Zweifel. Das gesamte Album strotzt nur so vor Selbstbewusstsein, ist politisch und ehrenlos wie selten zuvor. Es ist eine Weiterentwicklung, es ist eine Besinnung auf bewährte Talente, ein Mittelfinger und eine Gruppenumarmung in einem. Um zum Abschluss den unfreiwilligen Kalauer eines Rappers aus dem Ruhrgebiet zu zitieren: Sag mir einen, der das in letzter Zeit hinbekommen hat? Wer hat solche Kombos? Ich kenn drei oder vier. Und das sind meine Freunde.
 

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