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Wanda im Interview zu »Amore«

Wanda

Die Gaukler von Wien

Seit Falco hat kein österreichischer Künstler mehr solch großartige Geschichten aus der Wiener Nacht erzählt.
Die Band Wanda erfährt in ihrer Heimat gerade einen gewaltigen Hype, auf Konzerten liegen sich fremde Menschen in den Armen und feiern die schnapsgeschwängerte Alltagspoesie von Sänger Marco Michael Wanda. Nun ist Wandas Debütalbum »Amore« erschienen und die Band macht sich bereit für den großen Triumphzug. Zeit für ein Gespräch über die Liebe, den Tod und die Frage, warum das eigentlich Austropop sein soll.

Eine Dreiviertelstunde hat Marco Michael Wanda gebraucht, um Deutschland die Liebe zu bringen. Seine Lederjacke liegt da schon irgendwo auf der Bühne, neben den Zigarettenkippen. Das graue Hemd ist schwarz geschwitzt. Marco Michael Wanda steht auf der Bühne, einen Drink in der Hand, und plärrt hinaus in den ausverkauften Kellerclub: »Hat München gottverdammt noch mal Amore?« Dann werfen sich der Sänger und seine Band in diesen einen Song, der die Essenz von Wanda in dreieinhalb Minuten und ein Gitarrensolo packt: »Bologna« – ein wildes, lebensbejahendes Fest.

Marco Michael Wanda, der eigentlich Michael Marco Wanda heißt, singt von seiner Cousine, mit der er gerne schlafen würde, sich aber nicht traut, und von Tante Ceccarelli, die einmal in Bologna Amore gemacht hat. Und das Publikum antwortet: Bologna! Amore! Wenn man verstehen will, warum diese fünf Jungs aus Wien, die ihre Band nach dem Nachnamen ihres Sängers benannt haben, in ihrer Heimat Österreich gerade der heißeste Scheiß sind, muss man sich in die Welt des Alltagspoeten Marco Michael Wanda begeben. Einige Stunden zuvor in einem Münchner Hotel. Vor dem Eingangsbereich wehen Flaggen im kalten Herbstwind. Deutschland, Frankreich, Spanien. Italien ist auch dabei. Österreich nicht. Im zweiten Stock zieht der Geruch von frisch gereinigten Teppichböden durch die Gänge. In Wandas Hotelzimmer brennt die Luft in den Augen. Zigarettenqualm. Ein Raucherzimmer mit dem Charme eines Möbelhauses aus dem Jahr 1999. Hellbraunes Holz, mattgraue Metallschienen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Bettes hängt ein abstrakter Kunstdruck. Bunte Häuser schaffen keine Heimeligkeit. Standardzimmer Nr. 2, Bonjour tristesse.

Auf dem Hotelbett liegen dicht gedrängt fünf junge Männer in Lederjacken. Sie sind auf Tour. Österreich, Schweiz. Am Abend werden sie zum ersten Mal mit einer ganzen Platte im Rücken vor deutschem Publikum spielen. In Wien verlieren die Menschen mittlerweile regelmäßig den Verstand, wenn Wanda auf der Bühne stehen. Zweifel, dass das in München anders sein könnte, hat Marco nicht: »In der Schweiz hat’s drei Lieder gebraucht. Dasselbe erwarte ich mir jetzt von Deutschland. Selbst wenn uns die Leute noch nicht kennen. Wir lassen ihnen einfach keine Wahl.«

»Bologna«, diese inzestuös angehauchte Mitgröl-Hymne, entfaltet auch in München ihr Potential. Italien, der alte Sehnsuchtsort, eint die novemberschweren Herzen der Mitteleuropäer. Dabei gibt es weder die Cousine, noch Tante Ceccarelli. Nur eine Handvoll italienischer Vorfahren, an deren Mythen und Legenden sich Marco erinnert. Einer von ihnen ist Santino Ceccarelli, ein Gaukler, der mit seiner Harmonika durch die Dörfer um Bologna zog, um Schnaps zu trinken und die Menschen zu unterhalten. Ob die Geschichte stimmt oder nicht – wen kümmert das schon? Marco Michael Wanda hat seine Kunstfigur gefunden und inszeniert sich als moderner Wiedergänger des Santino Ceccarelli. Ein free spirit, wie er selbst sagt. Auf dem Hotelbett haben sich vier von fünf Bandmitgliedern eine neue Kippe angezündet. Über ihren Köpfen hängt ein weißes Banner aus Papier. Darauf hat jemand mit Blütenblättern das Wort »Amore« geklebt. »Amore« – das hat Tante Ceccarelli in Bologna gemacht. »Amore« – so haben Wanda ihr Debütalbum genannt. »Amore« – das ist der Schlüsselbegriff in der Poesie des Marco Michael Wanda. »Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag für Amore«, heißt es in »Bologna«. Wenn man Marco fragt, wofür »Amore« steht, weicht er aus. Er spricht von Mahatma Gandhi, von Sophie und Hans Scholl und von John Lennon, dessen Bed-In mit Yoko Ono »eine nicht zu leugnende Verwandtschaft mit unserer Aktion hier hat«.

Gandhi, Lennon und die Geschwister Scholl? Marco Michael Wanda ist einer dieser Gesprächspartner, der im Interview in regelmäßigen Abständen Namen von berühmten Menschen fallen lässt. Der ein Netz aus Verweisen und Zitaten spinnt, um seine eigene Person hinter intellektuellen Floskeln zu verstecken.

 

Wie wichtig ist die Stadt Wien in euren Geschichten?

Wir alle teilen ein menschliches Bewusstsein, das 80 000 Jahre jung ist. Diesem Bewusstsein ist es egal,in welcher Stadt es lebt. Wir machen ja überall dasselbe. Als Kinder vergraben wir kleine Abbilder unserer selbst, wir schmücken sie mit Grabbeilagen, tun sie in die Erde. Und das macht jeder Fünfjährige auf jedem Kontinent dieser Welt. Hat Carl Gustav Jung gesagt. Wir wollten eigentlich eine Liste mit Namen vorlesen, die uns beeinflusst haben. Carl Gustav Jung gehört dazu. Wichtiger Wissenschaftler.

Kann man über Sex besser auf Wienerisch singen als auf Deutsch?

M Der Wiener Dialekt hat etwas Geiles, keine Frage. Aber ich glaube, man kann in jeder Sprache über Sex singen. Wenn man gut über Sex schreiben kann.

Ihr werdet in Deutschland als Austropopper wahrgenommen. Wie geht ihr mit diesem Label um?

M Wir sitzen da auf einem gewaltigen Erbe. Es gab viel beschissenen Austropop, aber er hat auch seine Sternstunden erlebt. Unter Hansi Lang oder Falco zum Beispiel. Lange wollen wir aber nicht mehr als Austropopper gelten. Das war ein Spiel, das wir mit den Medien in Österreich am Anfang gespielt haben. Die hatten ihre Vorstellungen, wer wir sind und was wir machen. Dem wollte ich nicht im Weg stehen. Auch weil ich mir gedacht hab: Wir können uns noch nicht trauen, zu widersprechen. Aber da wir jetzt Hallen ausverkaufen, werden wir bald widersprechen.

Nervt euch dieser ständige Falco-Vergleich?

M Das ist vor allem eine Auszeichnung. Ich werde lieber mit Falco verglichen als mit Andreas Gabalier. Nein, das nervt mich nicht. Der Falco ist für uns immer da, das ist eine sehr mystifizierte Figur. Als Wiener Musiker ist Falco uns immer nahe. Und wenn er einem Wiener Musiker nicht nahe wäre, dann wäre dieser Wiener Musiker auch kein guter Musiker. Man muss sich mit Falco beschäftigen, weil man auch nicht Klavier lernen kann, ohne sich mit Mozart zu beschäftigen.

Würdet ihr euer Album selbst als Austropop bezeichnen?

M Nein, überhaupt nicht. Wenn man sich meine Stimme anhört, hat das wenig zu tun mit der Art, wie Austropopper gesungen haben. Ich sehe mich selbst viel mehr unter dem Einfluss von Rocksängern wie Rio Reiser. Das hat mich als Musiker viel mehr beeinflusst. Für uns ist das schwierig zu differenzieren. Da sind wir mittendrin in diesem Schlagwortspiel, was natürlich notwendig ist bei der Vermittlung von Kunst einer Öffentlichkeit gegenüber. Wir könnten tausend Namen nennen, aber die kennt dann keiner. Aber noch mal: Es ist eine Ehre, mit Falco verglichen zu werden.

Wie steht es 2014 um den Pop aus Österreich, zwischen Andreas Gabalier und Conchita Wurst?

M Dazwischen gibt es wenig. Das sind schon die Spitzen. Bekannt ist bei uns eigentlich niemand. Wir haben noch zwei wirkliche Major-Plattenfirmen und die haben zu zweit drei Künstler unter Vertrag. Daneben gibt es eine wenig zusammenhängende Indie-Szene. Obwohl ich jetzt mal annehme, dass es in Deutschland nicht so ist, dass alle Indie-Bands eine Convention abhalten, einmal im Monat einen jour fixe in einem Lokal. Aber wir haben Bilderbuch und die sind cool. Und wir haben den Nino aus Wien. Und den Clemens Denk, aber den kennt man in Deutschland nicht. Sehr spannender Typ.

 

 

Begründet euer Erfolg jetzt eine neue Szene in Österreich?

M Nein, die Szene wird eher zerstückelt bleiben. Dass eine Stadt wie Wien wirklich einen eigenen Sound repräsentiert, das war einmal. Den Sound von San Francisco, von L.A., das gibt es bei uns nicht und hat es auch nie gegeben.

Profitieren andere österreichische Bands von eurem Erfolg?

M Hängt davon ab, ob sie sauber arbeiten. Und ob sie gut sind. Das unentdeckte Genie gibt es nicht. Jeder, der etwas will oder kann, wird es auf dem ein oder anderen Weg schaffen. Ob es uns dazu braucht, das weiß ich nicht. Aber sicher ist, dass wir zumindest in Österreich zur richtigen Zeit gekommen sind. Jetzt entwickelt sich dort ein Bewusstsein. Es könnte tatsächlich sein, dass es nun mehr österreichische Bands gibt, die man auch in Deutschland wahrnimmt.

Gehören Tod und Vergänglichkeit zu Wien dazu?

M Das unterstellt man der Stadt sehr gerne, aber ich glaube, dass alle Kunst sich früher oder später mit dem Tod beschäftigen muss. Liebe, Tod, was gibt es sonst noch? Nix. Allen Ginsberg hat einmal gesagt, ein Dichter, der nicht über den Tod schreibt, ist sicher auch noch ein Dichter, aber er wird niemals Geld verdienen. Man ist es den Leuten irgendwann schuldig, sich diesem Thema anzunähern. Weil es wirklich ein großes Thema ist und sicher viel leichter zu verarbeiten, wenn es entsprechende Kunst gibt, die sich schon damit beschäftigt hat. So wie ein Schopenhauer, der gesagt hat: Man muss an einem Friedhof leben, sechs Monate im Jahr, sonst ist man ein Dummkopf. Sich mit dem Tod zu beschäftigen, hat viel mit dem Leben zu tun.

Der komplette Wanda-Text ist in unserer fünften Ausgabe erschienen, die ihr weiterhin im Bahnhofsbuchhandel kaufen und bei Krasser Stoff bestellen könnt!

 

 

Text: Julian Dörr
Fotos: Presse

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