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Die Nerven – Runter von der Welle

Runter von der Welle! Vom Stuttgarter Lokalphänomen zum Abonnementplatz in den Jahresbestenlisten in einem Augenaufschlag. Dazwischen Thema in den Feuilletons der Republik, ein Videodreh mit Tocotronic, kürzlich eine Konzertreise nach Israel. Zeit also für ein ausführliches Gespräch. Über fünf Zigarettenlängen.

Eine Stunde vor Interviewbeginn blinkt der Skype-Button am unteren Bildschirmrand auf. Post von Max Rieger. Ein Link, dazu die kurze Nachricht »zur Einstimmung«. Nimmt man den nun ertönenden Flokati-Sound des neuseeländischen Vorzeige-Weir- dos Connan Mockasin einmal als grobe Maßeinheit für Riegers Gemütszustand, so landet man bei der Suche nach Entspannung. Tatsächlich sagt der Sänger und Gitarrist vor dem Hintergrund seines Stuttgarter Altbauzimmers später, dass er hektische Musik zurzeit nicht hören könne. Kein Wunder, die letzten Monate waren schließlich turbulent für Die Nerven.

Wie kam denn eure Reise nach Israel zustande?

Max Rieger: Wie man die Betonungen setzt und damit unabhängig von der Sprache das rüber bringt, was man eigentlich sagen möchte. Sonst? Man bekommt in Israel außerdem kein Bier um- sonst. Man zahlt den halben Preis. Und da dort ein Bier im Supermarkt schon vier Euro kostet, zahlt man im Gastronomiebetrieb dementsprechend sieben Euro – als Band ermäßigt drei fünfzig. (lacht) Es ist schwer betrunken zu werden. Ein Gramm Gras kostet zwanzig Euro. Da merkt man dann schon, dass nach Israel nichts kommt, was da nicht hin soll.

Du sprachst eben von einer israelischen D.I.Y.-Szene. Wie kann man sich das vorstellen?


Das sind Bands, die es schon seit mehreren Jahren gibt, die aber nach eigener Aussage noch nie eine Gage gesehen haben. Inzwischen bin ich mit ein Paar von ihnen auf Facebook befreundet und bekomme mit, wie häufig sie in Jerusalem, Tel Aviv und Haifa spielen. Immer vor denselben Leuten. Man schaut sich dort dieselbe Band drei Mal im Monat an. Mit einer Band haben wir zwei Mal gespielt, die spielen jede Woche drei Mal in Tel Aviv. Diese Stadt hat 300.000 Einwohner! Die haben einfach wahnsinnig Bock auf Musik. Unter Bedingungen, die mir nach einer Weile wohl auf den Sack gehen würden.

Das klingt nach einer ziemlich großen Leidenschaft für die Sache.

Ja, definitiv. Diese Bands machen auch total kompromisslos Musik, das kommt noch hinzu. Unter diesen Bedingungen gibt es ja keinen Rechtfertigungszwang. Es gibt da auf jeden Fall einige Bands, die richtig guten Sound machen.

Zum Beispiel?

Diese eine Band, sie hieß Bye, Babe. Eine 19jährigen Front- frau und drei Gitarristen, sie spielen eine Art frühen Sonic- Youth-Sound. Die Frau ist dazu unglaublich ausgetickt, das war der Wahnsinn.

Ich persönlich kenne ja nur eine Band aus Isreal, Leila.

Ja, mit denen haben wir auch gespielt. Das war die Band, die noch nie eine Gage bekommen hat. Die sind total gut. Wir haben sie nun nach Stuttgart gebucht und versuchen, ihnen eine kleine Tour zu organisieren. Mal sehen, ob das klappt. Die Gitarristin spielt übrigens auch bei Bye, Babe. Soviel zur Größe der Szene. (lacht)

Wie war denn nun eigentlich die Reaktion der Leute auf euch als deutsche Band? Oder gab es keine?


Eigentlich wurde das nie wirklich zur Sprache gebracht. Wir haben keine englischen Texte, aber es war glaube ich nie ein Problem, dass wir Deutsch singen. Das Einzige, was etwas komisch war, war ein Artikel, den wir nach unserem ersten Konzert in Tel Aviv in einer der großen Tageszeitungen bekommen haben. Darin stand der Satz: »Wenn man den Deutschen für 45 Minuten vergeben will, dann sollte man sich ein Konzert von Die Nerven ansehen.« Aber wir sind ja keine deutsche Band per se, sorry. Eigentlich ist das kein Thema. Null. So- mit war das Projekt ja auch erfolgreich. Es haben sich junge Menschen ohne Vorurteile getroffen.

In den letzten Monaten ging alles recht schnell für euch, oder? Von der lokalen Band zur laut Spiegel »wichtigsten deutschsprachigen Platte dieser Dekade«.

Für uns hat sich das ein wenig anders dargestellt. Es fühlt sich nicht so an, als wären wir von Null auf Hundert geschossen. Bevor unser erstes Album Fluidum kam, kannte uns ja keine Sau. Damals war es vollkommen unvorstellbar, dass etwas in diese Richtung überhaupt passieren könnte. Als dann dieses Album herauskam, haben wir uns schon verrückt gemacht, dass die Spex uns besprochen hat. Die Spex schrieb sogar einen Verriss, das ist ja noch besser! (lacht) Von dort aus ist die ganze Sache dann so langsam angerollt. Wir haben direkt danach das zweite Album aufgenommen und sind auf Tour gegangen. Mit Fun hat alles einen größeren Sprung gemacht. Ich glaube so langsam sind wir alle wieder ein bisschen von dieser Welle runter. Das hat uns schon fertig gemacht.

Inwiefern?

Anfang des Jahres waren wir in Berlin, um ein Video mit Tocotronic zu drehen. Als wir nach Hause kamen, haben wir gesehen, dass wir auf Spiegel Online waren. Das war ein Punkt, an dem uns fragten: »Fuck, was jetzt? Wohin führt das?« Inzwischen sehen wir uns wieder als Band, die Konzerte spielt. Zurück zur Essenz.

Setzt da irgendwann ein Gewöhnungsprozess ein, oder entscheidet man sich bewusst, dass die Beschäftigung mit dem Hype für die Band ungesund ist?


Auf jeden Fall ist so etwas ungesund für eine Band. Oder jedenfalls für uns als Band, da unser Ansatz ja ein möglichst kompromissloser ist. Und ich glaube, das finden die Leute an uns ja auch interessant. Sobald wir anfangen, uns darum zu kümmern, was der Hörer mögen könnte, produzieren wir ein verfälschtes Resultat. Deswegen müssen wir uns für die nächste Platte von dem ganzen Scheiß lösen, das soll uns nicht beeinflussen.

Könnte die Verarbeitung solcher Situationen nicht auch einen positiven Einfluss haben?

Kann sein. (lacht) Ich glaube schon, dass es, gewollt oder nicht, in meinen neuen Texten auftaucht. Daher glaube ich, dass das ohnehin irgendwie in eine positive Energie umgewandelt werden wird. Es ist ja passiert und präsent.
Du schreibst ohnehin sehr unvermittelt, nicht wahr?
Ja, ich gebe mir Mühe. Nicht etwa unvermittelt zu schreiben, sondern weniger zu sagen.

Bleiben wir kurz beim Thema Hype. Ist es nicht ironisch, dass euch ausgerechnet euer Cover von Lana Del Rays »Sum- mertime Sadness« einer breiteren Öffentlichkeit bekannt ge- macht hat?

(überlegt) Ich glaube nicht, dass das uns bekannter gemacht hat. In unseren Köpfen hat das sowieso einen ganz anderen Stellenwert, als es für jemanden haben könnte, der nichts von uns kennt und bei YouTube Die Nerven eingibt. Da hat das Video die meisten Aufrufe, das stimmt. Den Song haben wir einfach gemacht, da war überhaupt nichts dahinter. Ich mochte den Song gerne, weil ich zu der Zeit viele Mitfahrgelegenheiten genutzt habe und auf den Fahrten immer die ganzen regionalen Radiosender hören musste. Das war der einzige Song, bei dem man mal kurz durchatmen konnte, weil er so langsam ist. Am Ende haben wir das Cover dann als Free Download rausgehauen, weil wir es nicht auf das Album hätten machen können. Es ist ja voll der Bullshit. (lacht) Keine Ahnung, bei unserem ersten Konzert in Essen kam am Ende so ein Typ zu uns und meinte, dass er dachte, wir seien einfach nur eine neue, blöde Hipster-Band, weil er nur das Lana Del Ray Cover kannte. Wir spielen den Song nicht live. Und die Irritation, die erzeugt wird, wenn jemand wegen dem Video zu einem unserer Konzerte kommt, die ist das Ganze wieder wert.

Was hat es mit dem Video mit Tocotronic auf sich? Habt ihr einfach gefragt?
m Ja. (lacht) Wie haben die einfach gefragt.

Wie kam es zu der Idee?

Das war so eine dumme Spinnerei im Tourbus. Wir wurden nämlich ein bisschen mit den frühen Tocotronic verglichen und dachten dann, dass es doch lustig wäre, wenn wir Tocotronic in der alten Besetzung (ohne Gitarrist Rick McPhail, Anm. d. Red.) dazu bringen könnten, sich als uns zu verkleiden und etwas zu performen. Und so ist es am Ende dann tatsächlich gekommen. Da waren natürlich viel Glück und Zufall im Spiel.

In dem Video fällt die Fahrt zum Jugendzentrum durch den grau- en Alltag des ländlichen Deutschland auf. Ist diese Tristesse ein Thema für euch?

Ja, auf jeden Fall. Julian und ich kommen aus verschiedenen Käffern in der Nähe von Stuttgart. Da wurdest du früher als Schwuchtel beschimpft. Heute ist es besser, da Homosexualität in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, aber dafür gibt es anderes. Und natürlich macht es etwas mit dir, wenn einem die ganze Zeit von außen gesagt wird, man dürfe nicht so sein, wie man ist.

Fließt das heute noch in dein Schreiben ein?

Ja, das kann sein. Vielleicht ist das einer meiner Komplexe.

Das Thema der Ausweglosigkeit, also dass man bequem gebettet ist, aber trotzdem nicht so leben kann, um einen eurer Texte zu zitieren?


Ja, aber die Leute, die dort ruhig gebettet sind, denen fällt das ja gar nicht auf.

Aber dir.

Ja, mir fällt das auf. Klar. Aber die Leute denen das auffällt, haben immer noch die Möglichkeit, sich von diesem Umfeld zu emanzipieren. Ich habe das getan, Julian auch. Das muss man machen, andere machen das nicht. Es gibt die, die sich niemals daran stören werden. Die können in das warme Bett ihrer Eltern schlüpfen, wenn die sterben oder ins Altersheim gehen. Das will ich aber niemandem absprechen.

Ist Angst, auch die Angst vor Ausweglosigkeit, ein Leitmotiv deiner Texte?


Na ja, den Text zum Song »Angst« hat zum Beispiel Julian geschrieben. Fun ist gerade so spannend für mich, weil sich darauf eine schöne Kombination aus Julians und meinen Texten ergibt. Daher fällt es mir total schwer, solche Fragen zu beantworten. Weil Julian und ich recht unterschiedlich denken und schreiben. Wirft man es aber zusammen in einen Pott, vermischt es sich und wird zu etwas ganz anderem. Ich komme manchmal an einen Punkt, wo ich meine eigenen Texte nicht mehr verstehe.

Hast du dafür ein Beispiel?

»Blaue Flecken« ist beispielsweise extrem introvertiert. Direkt danach kommt »Hörst du mir zu«, das total extrovertiert ist. Wenn Julians Texte nicht wären, wäre das Album wohl viel introvertierter geworden. Nein, eigentlich nicht. Er hat ja diese eine Zeile geschrieben, für die ich ihn immer beneiden werde: »Ich habe Angst vor Begebenheiten, Ängste vor Situationen, obwohl ich weiß, dass diese Ängste sich überhaupt nicht lohnen«.

Womit wir wieder bei der Angst wären. Manchmal bekommt man das Gefühl, Angst sei das Gefühl unserer Generation, angesichts einer »alternativlos« gewordenen Welt.


Ja, das kann schon sein. Allerdings kann ich auch nur schwer für eine Generation sprechen, der ich angehöre. Ich bin zwar Teil davon, dann aber wieder auch nicht. Die Leute, die ich kenne, für die kann man das wahrscheinlich schon sagen. Doch das, was ich von den Massen mitbekomme, über das Internet, spiegelt das nicht wieder. Das ist eher eine ganze ko- mische Form von spießigem Hedonismus. Man findet sich ab mit der Situation und lässt die Angst gar nicht zu.

Ist das nicht ein Sympton der Angst?

Man kann ja niemanden seines eigenen Glückes berauben. Wer bin ich, jemandem zu verbieten, mit einer Familie auf dem Land glücklich zu werden? Daher finde ich nicht, dass man das so sagen kann. Ich wünschte, ich könnte das auch. Man will aber irgendwann immer mehr, obwohl man weiß, dass man sowieso damit auf die Fresse fliegen wird. Das ist doch super, wenn Leute sich damit arrangieren können, dass sie niemals die absoluten Höhen der Achterbahnfahrt des Lebens erleben werden, aber auch niemals die richtigen Tie- fen. Keine Sinuskurve, einfach eine Linie. Irgendwie ist das erstrebenswert.

Das ist aber ein Zustand, als wäre man sediert. Ist das wirklich das Leben?

Viele macht das sicherlich glücklich. Ich weiß es nicht, was wissen wir schon über das Leben?

Du hast ein Tattoo der Einstürzenden Neubauten.

Ja, das ist richtig. (lacht)


Einstürzende Neubauten, späte 70er, frühe 80er. Auch euer Sound klingt ein wenig nach Revolte in der alten, betongrauen BRD. Hat sich seitdem nichts verändert?


Da muss ich ein wenig ausholen. Zuerst muss ich etwas zu dem Tattoo sagen. Ich habe eine besondere Beziehung zu der Band, da die ersten beiden CDs, die ich mir damals in der Kaff- Bücherei ausgeliehen habe, »In Utero« von Nirvana und die »Tabula Rasa« der Neubauten waren. Übrigens wegen der Cover, die ich interessant fand. Ich finde nicht, dass die gleichen Parolen noch heute gelten. Ich war zwar in den 80ern nicht dabei, aber es funktioniert gerade deswegen nicht, weil den Leuten alles ohnehin egal ist. Man kann heute durch stumpfe Parolen keine solchen Emotionen mehr erzeugen.

Glaubst du denn noch an Punk?

Was immer das auch ist. Wenn du die Musikrichtung meinst, nein. Wenn du die Tatsache meinst, Dinge ganz unabhängig davon zu tun, was andere davon halten, dann ja. Aber ob man dafür unbedingt das Wort Punk verwenden muss, weiß ich auch nicht. Ich habe in letzter Zeit ein Problem damit, wenn man uns als Punkband bezeichnet. Sobald nämlich jemand schreibt, wir seien eine Punkband, werden wir sofort abgestempelt. Die sind halt wütend, wie alle Punks. Der Einzige von uns, der sich wirklich für Punk interessiert, ist Julian. Kevin und ich hatten nie viel damit zu tun.

Dennoch habt ihr etwas an euch, das man Punk-Attitüde nennen könnte.


Nein, wir haben nur die Attitüde, dass uns diese ganzen Hansels egal sind. Alle, die groß etwas auf sich halten.

Habt ihr abgesehen von dieser Bezeichnung einen konkret politischen Anspruch?

(zögert) Ja, ich denke schon. So richtig ausformulieren möchte ich den aber hier nicht. Was man halt in der Musik hört.

Ihr spielt eher auf Gefühlsebene gegen gewisse Sachen an?

Texte über Politik zu schreiben ist mir viel zu oberflächlich. Letztendlich geht es mir nicht darum, was die Politik falsch macht, oder was sie ist, sondern darum, wie sie den Menschen verändert. Mich interessiert tatsächlich immer die emotionale Ebene solcher Dinge. Ich prangere nichts direkt an.

Ihr habt euch dennoch zumindest teilweise im Dunstkreis des Stuttgart-21-Protests kennengelernt, oder?


Nein, das stimmt so nicht. Das wurde einmal geschrieben und hat sich seitdem immer weiter verbreitet. Ich bin mit Julian zur Schule gegangen. Wir waren aber ein paar Jahr- gänge auseinander, er war im selben Jahrgang wie meine ältere Schwester. Ich trug zu der Zeit pinke Haare. (lacht) Der Kontakt zu Julian kam auch deswegen erst später via MySpace zustande, als er schon seinen Abschluss hatte. Er hat sich damals wohl nicht getraut, zu diesem Außenseiter zu gehen.

Auch von deinem Soloprojekt All diese Gewalt kommt in diesen Tage ein neues Album.


Ja, ich arbeite gerade auch schon wieder an einem neuen Album. Das, das jetzt erscheint, war vor einem halben Jahr fertig. Ich versuche es ein wenig elektronischer werden zu lassen. Mehr Drone und Bass. Wenig Gitarre. (lacht)

Ihr habt unzählige Nebenprojekte am laufen. Woran liegt das?

Ja, das stimmt. Das liegt gerade daran, dass jeder von uns sehr viel Zeit hat. Das wird sich sicher wieder ändern. Es gibt in Stuttgart eben nicht so viele Leute, die auf Musik Lust haben, deswegen muss man sich behelfen und findet am Ende überall die gleichen Personen wieder. Das ist so ähnlich wie in Israel.

Dieser Text ist in unserer dritten Ausgabe erschienen, die ihr online weiterhin bei Krasser Stoff bestellen könnt!

Foto: Tim Bruening

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