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Bilderbuch – Mut zum Mut

Ich war gerade auf dem Weg zu einer Familienfeier, da war es noch Herbst, das kann man sich jetzt gar nicht mehr vorstellen. Wir standen im Stau und das war schon in Ordnung, denn das Licht war golden und wir konnten auf ein Tal blicken, aber wenn wir ehrlich sind, dann wird selbst Schönheit mit der Zeit langweilig. Und mitten in diese goldene Langeweile bekam ich eine E-Mail von Sascha, ich solle mir ein Video von Bilderbuch ansehen. Das kam für mich überraschend, hatte ich doch schon lange nicht mehr an diese Band gedacht. Vor zwei Jahren hatten wir einen guten Sommer zusammen gehabt, da hatten wir uns immer wieder auf Festivals getroffen und Getränke getrunken und auf einem Hügel voll mit Windmühlen Ohrenschmerzen bekommen, von all dem Wind nämlich. Das war jetzt wirklich schon fast zwei Jahre her, ich erinnere mich noch an ein Gespräch über Madonna und Maschinenpistolen. Wir hatten uns damals sehr gut verstanden alle, nur mit der Musik hatte ich mich nicht wirklich befasst. Ich hatte mir einmal drei Lieder angesehen, der Kameradschaft wegen, aber das war mir damals irgendwie zu laut und anstrengend, zu exaltiert gewesen. (Nach den klugen Sprüchen meiner Mutter kann das aber auch ohne Frage daran gelegen haben, dass wir selbst so laut, anstrengend und exaltiert waren.) Ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich ein gewisses musikalisches Bild von dieser Band hatte, ohne, dass ich sie mir jemals länger als 10 Minuten angehört hatte. Wenn ich das jetzt so schreibe, denke ich aber, ich habe allen Grund dazu, mich zu schämen. Jedenfalls freute ich mich trotzdem wieder von dieser Band zu hören, ganz egal wie kritisch ich ihrer Musik gegenüberstand. Wer zusammen Stürme und leere Buffets überlebt hat, der fühlt sich schon verbunden. Doch im goldenen Tal der Langeweile, war wie selbstverständlich das Internet aus. Es dauerte noch einige Stop and Go-Stunden, bis wir das Dorf meiner Großeltern erreichten und als wir auf die Terrasse geklettert waren und alle Anwesenden gedrückt hatten, musste ich wieder an das Video in meinem Postfach denken.

Ich saß nun also auf der Badewannenkante meiner Großeltern, mit Blick auf die, mit Initialen bestickten, Handtücher und atmete das Rasierwasser meines Großvaters, während die Daten sich in meinem Telefon sammelten. Dann sah ich mir dieses Video an, »Maschin« heißt es und es kommt ein gelbes Auto darin vor. Und obwohl ich finde, dass jeder sich selbst ein Bild davon machen sollte, hat es mich bewogen, all dies zu schreiben. Wer das Video noch nicht gesehen hat, sollte das jetzt sofort tun, schließlich ist die Musik selbst immer noch viel wichtiger als das Gerede darüber. Trotzdem liegt es in der Natur eines solchen Textes genau das zu sein, also möchte ich es mit den Worten über die Band nicht überstrapazieren und jedem die Möglichkeit lassen, ein ganz eigenes Gefühl dazu zu entwickeln. Ich möchte stattdessen all das zusammenfassen, was sich für mich mit dem Hören der Musik und im Gespräch mit Bilderbuchs Sänger Maurice Ernst an Gedanken ergab. Ich hörte dann nämlich die ganze EP und ich möchte offen sprechen, ich war fast ein wenig neidisch auf die Kompromisslosigkeit die sich mir da bot. Auf die Kleinteiligkeit und die Kraft. Ich entschied mich dann aber stattdessen dafür, einfach begeistert zu sein. Neid nützt ja doch nichts. Meine Begeisterung bezog sich schnell auf die Attitüde der Band, die zugleich schillernd und brutal war, herzlich und kühl, zum Schreien komisch und abgründig. Lang hatte mich etwas nicht mehr so eingenommen, gerade weil es mich vor so viele Fragen stellte. Ich freute mich unwahrscheinlich darüber, dass ich gar nicht verstand, was da eigentlich vor sich ging. Was auch daran lag, dass ich mich in der letzten Zeit ein wenig zu oft gefragt hatte, ob das, was ich schrieb, in irgendeiner Weise verständlich und nachvollziehbar war. Oft verzetteln sich Bands in ihrer Haltung, sind so versessen darauf gut auszusehen, dass sie die Inhalte dabei vergessen. Sie gefallen sich in düsterer Pose, die ewig und immer dar auf der Stelle tritt, sich im Kreise dreht und selbst zitiert. Bilderbuch sind hier dreist genug, die Flucht nach vorn zu wagen. So singen sie Lieder über ungebremsten Konsum und spiegeln sich im gelben Lack von Lamborghinis. Ohne jedoch persiflierend zu wirken oder gar den mahnenden Zeigefinger zu zücken, schaffen sie eine Atmosphäre in der nebeneinander friedlich getanzt und gegrübelt werden darf. Ihre EP »Feine Seide« schafft es tatsächlich durch Attitüde und überzogene Oberflächlichkeit, Inhalte auf eine Art und Weise zu vermitteln, die gerade durch die zelebrierte Flut aus Reizen unerwartet subtil auf einen einwirkt. All das erlaubt mehr denn je so viele Lesarten, wie es Menschen auf der Erde gibt. Diese Koexistenz von Humor und Ernsthaftigkeit und die Spannung zwischen Hits und Verquerem, haben sie, ohne dass ich daraus irgendwelche weiteren Schlüsse ziehen möchte, mit dem Übervater österreichischer Popmusik (Falco) gemeinsam. Als der seinerzeit mit einem Demo von »Der Kommissar« bei verschiedenen Radiosendern vorstellig wurde, sagten die einem ihm, dieses Kinderlied würden sie auf keinen Fall spielen, die anderen ereiferten sich über die Thematisierung von Drogen. Jedenfalls glaubte niemand an den jungen Herren (der übrigens auch laut, anstrengend und exaltiert war) und schickten ihn nach Hause. Ein Jahr später war das Kinderlied über Kokain das erste deutschsprachige Lied auf Platz 1 der US-amerikanischen Billboardcharts. Und das nur, weil ein Mensch, entgegen allen Bedenkenträgern, dreist und mutig genug war, genau das zu tun, was in ihm steckte. Damit möchte ich auf keinen Fall die Kompetenz aller begleitenden Instanzen schmälern und in Frage stellen, doch das wichtigste ist und bleibt die Aktion des Künstlers, alle Ratschläge, so gut und wohlwollend sie auch sein mögen, verwässern dessen Grundgefühl und sind somit nicht selten eine Gefahr für das Kunstwerk. Die aktuelle Vorgehensweise erinnert mich unlängst an meine Erfahrungen in der Schule, wo jedes aus der Reihe tanzen, jede Absonderlichkeit unterbunden und abgeschliffen werden sollte, um einen allgemeinen Körper zu schaffen. Immer wieder stellte sich mir die Frage, mit welchem Recht diese Menschen sich anmaßen konnten zu entscheiden, was richtig war und was nicht. Passend dazu gibt es ein Zitat von George Bernard Shaw aus dessen Stück »Man and Superman«, dass sich auch außerhalb des Schulbetriebs auf mehr als einen Lebensbereich beziehen lässt: »Who can, does. Who cannot, teaches.« Mehr denn je scheint vor allem die Musikindustrie Horden von Egalos hochzuzüchten. Am Fließband wird Musik produziert, die entweder niemandem wehtut und ohne weitere Reaktionen zu erzeugen durch die Gehörgänge schwappt, oder aber sich nur in ewig gleichen Inner Circles im Kreise dreht und ausschließlich zu Belustigung der Eingeweihten taugt, nie aber über diese Grenze hinausgehen kann und will. Also gibt es entweder Musik von Egalos für Egalos, oder elitären Kitsch mit hochgeschlossenem Kragen und politischer Pose. Auf dem Grad dazwischen wird nur wenig gewandelt, die allermeisten fallen vor lauter Höhenangst schon nach den ersten Gehversuchen zu der einen oder anderen Seite herunter und bleiben für immer Brummkreisel. Der größte Witz an der Geschichte ist jedoch, dass die Künstler, die ein Wagnis eingegangen sind, die größten und die vor allem unerwartesten Erfolge gefeiert haben. Anders als von vielen medialen Würdenträgern angenommen, merkt der Mensch nämlich schon, was gut ist und was nicht, möge es auch in einem noch so ungewohnten Gewand daherkommen. Die Musik auf Bilderbuchs neuer EP ist ungewohnt. Sie bedient sich oft eines unkonventionellen Aufbaus und kreischenden Effekten, das allein macht sie jedoch noch nicht besonders. Diese Herangehensweise zeigt sich auch auf Bilderbuchs vorangegangenen Alben mehr als deutlich. Besonders ist indes die neue Lockerheit, mit der sich Bilderbuch zu Tönen und Worten erdreisten. Diese Lockerheit hat sich für die Band aus einem langwierigen Kampf mit sich selbst ergeben, einem Kampf, der zwei Alben hervorgebracht hat, die düster waren und wütend. Und der die letzten zwei Jahre andauerte in denen sie immer und immer weiter Lieder schrieben und sie wieder verwarfen. Diese Lockerheit war deshalb so große Arbeit, weil sie die ihnen und uns allen indoktrinierte Angst überwinden mussten, über die Strenge zu schlagen. Weil sie sich darauf besinnen mussten wieder einfach mal zusammen Musik zu machen und das was sie da machten einfach mal wieder, mit Verlaub, geil zu finden. Jeder, der Musik macht oder wahrscheinlich sogar irgendwas, kennt diesen Wunsch zur Rückbesinnung. »Feine Seide« ist für mich ein weiterer Beweis dafür, dass dieses Gefühl das richtige ist. Das Naivität und Idealismus Tugendenden sind. Das man den Kreislauf aus Angst durch einen aus Mut ersetzten kann. Wir müssen keine Angst vor dem Scheitern haben, wir müssen über die Strenge schlagen. Wir dürfen die Angst der Firmen nicht zu unserer Angst machen lassen. Wir arbeiten nicht für die Industrie, die Industrie arbeitet für uns. Damit möchte ich die Arbeit und den Aufwand der Musikindustrie nicht schmälern, ich habe nur das Gefühl, dass sich mit ihrem schleichenden Untergang der Fokus zusehend verschiebt. Es geht nicht mehr darum interessante Künstler bis zu einem gewissen Punkt aufzubauen, sondern darum mit möglichst vielen, angeblich todsicheren Dingern noch ein paar Mark zu machen, während das Schiff langsam aber immer schneller werdend untergeht. Wurde die Industrie doch einst erschaffen um Musik zu vermarkten, so scheint es heute nicht selten so, als hätte sich ihr Sinn mittlerweile in sein Gegenteil umgewandelt.

Es ist schön zu sehen, dass es in dieser Zeit nun doch wieder kleine, von Idealen behaftete Unternehmen sind, die durch ihr Vertrauen in die richtigen, nicht immer einfachen Künstler auf dem Vormarsch sind. So habe ich den Glauben an ein friedliches und gewinnbringendes Zusammenspiel von Kunst und Industrie noch nicht vollständig verloren. Die große Gefahr ist nur die, dass der Todeskampf der Industrie den Künstlern eine so große Angst macht, dass sie mit lebensrettenden Maßnahmen zur Hilfe eilen und widerwillig angebliche Normen bedienen, anstatt sich um ein neues, zeitgemäßeres Vertriebsnetz zu bemühen. Denn während die A&Rs der Erde ihren Künstlern weiter etwas vom Zeitgeist erzählen wollen, gehören viele von ihnen in Wahrheit selbst längt zum alten Eisen. Die Zeit der großen Plattenfirmen neigt sich immer mehr dem Ende zu, wir sind nicht dafür verantwortlich, sie am Leben zu halten. Wir sind dafür da, die Dinge zu tun, die in uns sind und heraus wollen. Mit jedem Kompromiss zu Gunsten einer kommerziellen Maschinerie ist das wunderbare Grundprinzip der Kunst ad absurdum geführt. Das alles mag für jeden mit Geschäftssinn naiv und idealistisch klingen. Aber ohne Naivität und Idealismus sind wir genau an dem Punkt, an dem Kunst zur reinen, kalkuliert zurecht geschnittenen Ware wird. Von Egalos für Egalos eben. Diese Flut aus Worten und Gedanken, all dieses Fluchen und die Predigt, lässt sich am Ende auf einen Satz herunter brechen. Bilderbuch haben mir Mut gemacht. Mut zur Rückbesinnung, Mut über die Strenge zu schlagen, vor allem aber Mut mutig zu sein. Ich wünsche mir, dass der Untergang der bestehenden Industrie aufhört uns Angst zu machen und anstatt dessen jedem Kunstschaffenden den Glauben an das eigene Schaffen, die Dreistigkeit und den Mut zurückgibt. Denn der Markt sind am Ende eben doch wir. Wir müssen uns nicht fügen, um irgendwelchen angeblichen Maßstäben zu genügen. Diese Maßstäbe sind von Menschen erschaffen worden, die sich über bestehende Zustände hinweg gesetzt haben. Für mich sind Bilderbuch auf dem besten Wege solche Grenzen zu sprengen. Sie zeigen, dass auch Pop-Musik zu schön ist, um egal zu sein. Dieser Weg ist ein gewundener und tut manchmal weh, ist jedoch auch die einzige Chance, etwas Nachhaltiges zu schaffen. Was immer uns antreibt, was immer uns inspiriert, was immer uns am Herzen liegt, das sollten wir so kompromisslos wie möglich leben. Helfen kann dabei ohne Frage ein Hauch von Größenwahn, darum zum Abschluss ein freies Zitat von unserem Hölzel Hans: »Wenn sich dir jemand in den Weg stellt, dann zünde dir eine Zigarette an und blas ihn einfach um.

 

Text: Max Lessmann

Foto: Ingo Ostermann

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