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Chuckamuck – Tanzende Kinder

Draußen mag es regnen, schon seit Tagen. Doch im Keller des Molotow Club spielt das für eine knappe Stunde keine Rolle. Denn hier ist Geisterstunde, oder auch: Chuckamuck-Konzert. Denn als die Band mit umgeschnallten Gitarren die Bühne betritt, trägt einer, Lorenz heißt er, ein Gespensterkostüm. Wenig später schrammeln die Gitarren los und vermischen sich zu einem wenig filigranen Soundbrei. Leadsänger Oskar klingt irgendwie besoffen, jedenfalls versteht man schon seine kurze Begrüßung nicht so richtig. Also doch: Chuckamuck eine Schülerpunkband? Ja und nein. Einerseits erzählen die Texte von Chuckamuck tatsächlich in erster Linie von Leichtgängigem, von Spaß, Sorglosigkeit und Mädchen. Manchmal aber auch von Geistergirls, Dana Scully, Karl Egal und Bill McGrill. Erwachsen klingt definitiv anders. Und genau deswegen sind Chuckamuck eine gute Band. Denn andererseits macht die textlich ausgelebte Mischung aus Kindlichkeit und Jugendlichkeit vollkommen Sinn. Denn Chuckamuck kommen aus Berlin, also so richtig, seit ihrer Geburt. Und so erzählen die Songs auf »Jiles«, der hervorragenden, zweiten Platte der Band, von der Natur und dem Land, kurz: Von einer Idylle, die man selten erlebt, wenn man in einer Stadt der Millionen groß wird. Nicht falsch verstehen: Die Jungs mögen Berlin, doch in ihrer Musik geht es häufig in erster Linie um Dinge, die ihnen fehlen. Chuckamuck wollen nicht nach Berlin, sie wollen weg, raus. Irgendwo hin, wo es romantischer ist, also irgendwie. Die Sehnsucht kennzeichnet »Jiles«, eine Platte, die manchmal wirkt wie ein Gegenentwurf zu durchdachtem Diskurs- Rock. Wer ist diese Metaebene?

Nach etwas mehr als einer Stunde beenden Chuckamuck ihren Auftritt im Molotow. Einige Minuten später spreche ich Oskar an. Wir sind zum Interview verabredet. Drummer Jiles kommt mit, der Rest der Band bleibt vorm Molotow stehen, um ein paar kühle Bierchen zu trinken und Freunde zu herzen. Wir hingegen schlendern zu dritt zur nächsten Straßenecke, biegen ab, passieren die Kiez-Tanke und setzen uns schräg gegenüber auf einen großen Stein. Ich lege das iPhone neben mich. Und Play!

 

Seid ihr eine Deutschpunk-Band?

Oskar: Ne, auf gar keinen Fall. Wir sind schon eine Punk-Band, aber eher leider in Deutschland geboren. Wobei, eigentlich sind wir einfach eine Rock-n-Roll-Band. Wir mögen natürlich assige Punk-Songs, aber wir wollen auch mal romantische Liebeslieder schreiben dürfen. Und Jiles sagt sowie so immer, dass er nicht zwei mal den selben Beat spielen will. Wenn wir früher meinten: »Ey, hier, spiel doch mal so: Dünk-Düsch-D-Dünk-Dünk-Düsch, meinte er immer nur ›Niemals‹« (lacht).

Chuckamuck existieren mittlerweile schon eine ganze Weile. War das eure erste Band?

O: Ne, also Lorenz war früher in einer Acid Jazz-Band. Und ich habe vorher in einer totalen Kack-Band gespielt.

Warum habt ihr Chuckamuck gegründet?

O: Also ich wollte unbedingt in einer Band spielen, seitdem ich »A Hard Day’s Night« gesehen habe. In dem Film gibt es diese Szene, in der die ganzen Mädchen den Beatles hinterher rennen. Das hat mich damals total geflasht. Das wollte ich auch!

Wie bist du an den Film geraten?

O: Der Metal-Kumpel, mit dem ich meine erste Band hatte, war totaler Beatles-Fan. Ich selbst war damals vor allem begeistert von den Black Lips und wollte eigentlich Musik machen wie die.

Jiles: Ich wollte einfach Schlagzeug spielen, ich hatte keine Band im Kopf. Ich habe einfach so frei Schnauze losgelegt.

O: Aber du warst damals großer Libertines-Fan.
J: Das stimmt. Ich schätze man kann gar nichts dagegen machen, dass so etwas einen beeinflusst.

Für die Black Lips durftet ihr vor einiger Zeit auch den Support spielen.

O: Stimmt, das war schon cool. Aber, auch wenn es scheiße ist so etwas zu sagen, die waren früher echt besser. Ich habe sie mal 2005 oder 2006 im King Khan und im West Germany gesehen. Das war so beeindruckend damals, da haben sie noch bei ihren Konzerten auf der Bühne gepisst und gekotzt. Ich war gerade 15 und durfte denen danach dabei helfen ihr Schlagzeug in den Bus zu tragen und so. Mich hat das damals sehr beeindruckt. Aber als wir mit denen gespielt haben, da kamen sie so müde und ge- langweilt rüber. Diese krasse Energie ist mittlerweile einfach weg.

Manche Leute behaupten, bei Chuckamuck ginge es nur um Freibier und Mädchen. Stimmt das?

O: Es geht uns auf jeden Fall um Mädchen!

J: Und um Freibier! (lacht)

O: Trotzdem: Wir nehmen das, was wir tun, sehr ernst. Alle sagen immer, wir würden unsauber spielen, dabei haben wir zwischen dem ersten und dem zweiten Album wirklich hart an unserer Performance gearbeitet. Allerdings wollen wir auch auf gewisse Weise unsauber und roh klingen.

J: Aber irgendwie haben die Leute schon recht. Wir lieben das Leben einer Rockband schon sehr. Wenn wir in der Fremde ein Konzert spielen, dann wollen wir nach der Show auf jeden Fall noch was erleben. Das ist manchmal allerdings schwierig. Dann ist die Stadt tot und dann stehste halt da: »Und, was machen wa jetzt?«

Was war euer bestes Provinzerlebnis?

J: Wir sind mal irgendwo in Belgien im Keller eines Antiquitätenladens aufgetreten.

O: Das war verrückt. Überall drum herum waren nur Kühe und so …

J: Und dann haben sich die Leute dort total gehen lassen. Die haben sich ausgezogen und mit irgendwelchen Dildos herum gespielt. Ging da nicht auch die ganze Zeit so ein Topf mit Gras herum? Also dis war einfach total abgefahren.

O: Uns ist es wirklich wichtig, unsere Fans kennen zu lernen. Das ist sowieso das Geilste daran, in einer Band zu spielen: Wir sind ständig auf Reisen und lernen ganz unterschiedliche Menschen kennen. Zum Beispiel hat uns der Soundmann vom Molotow eben gefragt, ob wir auf seiner Hochzeit spielen wollen. Natürlich wollen wir! Solche Sachen finden wir immer am Besten. Wir wollen nicht nur in Clubs spielen, sondern eigentlich überall!

Ihr habt mal gesagt, ihr macht Musik in erster Linie für Zwölfjährige.

O: Ja, genau. Wir wären sehr gerne eine dieser Bands, die andere Kids dazu motiviert, selbst Musik zu machen. Mit zwölf Jahren nimmt man Rockbands noch sehr, sehr ernst. Diesen Bezug verliert man leider immer mehr, je älter man wird. Nimm zum Beispiel die Black Lips. Als ich ein Jugendlicher war, da waren die für mich die Größten. Ich möchte, dass wir Jugendlichen auch so viel bedeuten. Außerdem sind Kids häufig das beste Publikum. Die haben noch wirklich Lust zu tanzen und auszuflippen.

Euer Album »Jiles« klingt nach Sommer und Meer. Dabei ist in Berlin doch eigentlich immer Winter. Wie kommts?

O: Ich glaube wir haben ziemliches Fernweh und fühlen uns in Berlin nie zu 100% wohl. Während der Aufnahmen für »Jiles« haben wir Urlaub in so nem Dorf namens Ringenwalde gemacht. Wir waren viel Angeln und sind sogar auf dem Dorffest aufgetreten. Das ist eigentlich viel eher nach unserem Geschmack.

J: Wir sind da irgendwann mal mit Leuten von dort ins Gespräch gekommen. Die haben uns dann erzählt, dass sie am selben
Abend in so einer Scheune ein kleines Festival veranstalten.Dann haben wir da gespielt und es war spitze. Das war so wie ein in Erfüllung gehender Traum,von dem man gar nicht wusste, dass er existiert.

Gibt es eigentlich einen Plan B zu Chuckamuck?

J: Ne, dit iss es einfach und dit muss auch klappen!
O: Wir haben uns ja auch schon mit 17 den Bandnamen auf die Brust tätowieren lassen. Das ist was fürs Leben.

Staatsakt schreibt ja, die letzten von euch hätten erst im vergangenen Jahr ihr Abi gemacht. Wie alt seid ihr eigentlich?

O: Also das ist Quatsch. Niemand von uns ist so jung, ich weiß nicht. Ich glaube Staatsakt steht darauf, aus uns eine Schüler- band zu machen (lacht).

Aber ihr ward schon wirklich mit Moses Schneider im Studio?

J: (lacht) Das schon, ja.

Was ist das für ein Typ?

O: Ein Super-Typ, ein totaler Freak. Als Staatsakt uns ihn vorge- schlagen hat waren wir erstmal skeptisch und eingeschüchtert. Aber dann kam Moses bei uns vorbei und war einfach sehr sympathisch. Wir haben in der Musikindustrie sehr viele, ältere Leute kennen gelernt, die so komisch kumpelhaft mit einem reden. Moses war anders. Er hat auf Augenhöhe mit uns gesprochen.

J: Er wirkt so cool und ungekünstelt. Als er uns im Proberaum besucht hat, kam er einfach rein, setzte sich auf die Couch, rauchte erstmal entspannt ne Kippe und guckte sich an, wie wir so arbeiten.

O: Er wollte von Anfang an, dass wir unsere Anlage aus dem Proberaum in sein Studio schleppen. Außerdem erzählte er uns was von den Dead Kennedys und wie wir in seinen Augen klingen müssten. Das kam schon irgendwie alles sehr cool.

Dabei könnte er euer Vater sein.

O: Schon. Er hat es auch voll drauf eine Band zu motivieren. Gleichzeitig war er dann auch wieder total albern, wie ein 16-Jähriger, der im Körper eines 40-Jährigen steckt.

J: Und ein mieser Buffer ist er auch (alle lachen).

Als Ihr euer erstes Album rausgebracht hat, wurdet ihr überall als die ständig betrunkenen Rotzlöffel vorgestellt. Findet ihr das noch geil?

O: Nicht wirklich. Aber wir waren ja auch selbst daran Schuld, dass es so gekommen ist. Wir sind schon voll die Alkis und Kettenraucher, aber natürlich auch mehr als das.

Ihr wollt als Künstler ernst genommen werden?

O: Klar. Für mich war übrigens das ganze Odd Future-Ding ein großer Einfluss. Einfach, weil die von den Artworks, bis zum Merchandise und den Videos alles selbst machen. Ich habe alles, was die machen, in den letzten Jahren mit einer Mischung aus Neid und Faszination verfolgt. Die haben so ein riesiges Managment und machen trotzdem alles genau so, wie sie das wollen. Als ich das erste mal das Earl-Album gehört habe, habe ich mich auch gefühlt, als wäre ich wieder 12. Odd Future sind auf gewisse Weise ja auch eine Punk-Crew.

Du gestaltest ja alle eure Plakate, Artworks und T-Shirts. Willst du das noch ausbauen?

O: Auf jeden Fall. Bettwäsche, Unterwäsche, das kommt alles noch (lacht).

Macht ihr eure Musikvideos eigentlich auch selbst?

O: Jo, die schneidet und filmt Lorenz meistens. Das Geistergirl- Video haben wir in seiner Wohnung gedreht.

Seid ihr also die deutschen Odd Future?

O: Öhm, also, ja. Wir sind die deutschen Odd Future!

 

„Tanzende Kinder“ ist ein Text aus unserer ersten Ausgabe, die ihr zum Beispiel hier kaufen könnt.

http://www.youtube.com/watch?v=2j9W0S-_5ic

Text: Sascha Ehlert

Illustration: Oska Wald

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